Bruder Klaus und die Frauen

Noch immer haben viele Frauen ihre liebe Mühe mit Bruder Klaus. Bester Beweis unlängst: die Bitte einer Zeitschrift, Niklaus von Flüe feministisch zu deuten unter dem Motto: «Der Heilige, der seine Frau sitzen liess». Ähnliche Töne schlägt auch die frühere Zürcher Sozialvorsteherin Monika Stocker an, der ob Dorothees Schicksal «schon immer die Galle hochkam», wie sie im Sammelband «Mystiker, Mittler, Mensch» gesteht. Es ist natürlich jedem Mann und jeder Frau unbenommen, die Geschichte so zu sehen. Dorothee bleibt dann das Opfer, das sie schon früher war, als sie noch als Vorbild des demütig duldenden Weibes herhalten musste.

Die Frage sei jedoch erlaubt, wie sich diese Deutung mit Niklaus’ Aussage verträgt, er habe «ihr Einverständnis» zu seinem Einsiedlerleben erlangt? Hat er es ihr abgepresst? Hat er sie gezwungen? Ich denke, nein. Dorothee hat ihm ihr Ja mit auf den Weg gegeben aus freien Stücken. Sie hat eingesehen, dass sie ihn loslassen muss, wenn sie ihn nicht verlieren will. Sie hat ihm die Freiheit geschenkt, weil sie ihn liebte.

Mir ist bewusst, dass auch diese Sicht der Dinge eine Interpretation ist. Handfeste Beweise oder gar schriftliche Zeugnisse gibt es nicht. Dorothee konnte nicht schreiben und hat weder Tagebücher noch Briefe hinterlassen. Wenn ich trotzdem an dieser Version der Geschichte festhalte, so deshalb, weil sie das tiefste Geheimnis der Beziehung zwischen Niklaus und Dorothee unangetastet lässt. Was in den beiden vorging, bis sie so weit waren, dass er gehen und sie ihn ziehen lassen konnte, wissen wir nicht. Ich möchte jedoch glauben, dass er sich nicht über sie hinweggesetzt hat, sondern dass sie den Weg gemeinsam gingen und die Frau letztlich diejenige war, die mit ihrem souveränen Ja die Berufung des Mannes erst möglich gemacht hatte. Dies ist für mich eine nicht minder feministische Betrachtungsweise als diejenige, die Dorothee auf die Frau reduziert, die von ihrem Mann sitzen gelassen wurde.

Klara Obermüller

Literaturhinweise: Obermüller, Klara (1982/2007): Ganz nah und weit weg. Fragen an Dorothee, die Frau des Niklaus von Flüe. Luzern; Obermüller Klara (2016): Ganz nah und weit weg, in: Gröbli, Mystiker, Mittler, Mensch, 49–52.

Bruder Klaus und Gefährten

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