Warum tun wir uns dies an? Teil I

Ich schreibe diesen Blog-Beitrag in grosser Sorge und – ich bekenne dies gerne – mit grossem Ärger. Ich nehme Bezug auf die nun schon über 15 Jahre andauernde Missbrauchs-Debatte in und ausserhalb der katholischen Kirche, auf das Buch «Mon père, je vous pardonne» und die massiven innerkirchlichen Irritationen, die dieses Buch und die Diskussion zum Skandal, auf den es Bezug nimmt, ausgelöst haben.

Ich beginne nochmals mit dem selben Zitat wie vor etwa zwei Monaten. Da es von einem noch lebenden Menschen stammt, nenne ich keinen Namen. Dieser Mensch war, als er diesen Satz sagte, ein hoher Würdenträger innerhalb der katholischen Kirche Schweiz. Ich (und neben mir noch ein Kollege) hörten ihn in etwa folgenden Satz sagen: «Herr Angehrn, meinen Sie denn, dass die Wahrhaftigkeit innerhalb der Werte unserer Kirche einen hohen Stellenwert hat?» (Man vergleiche meine Blog-Beiträge hier vom Februar und vom März.) Mit diesem Satz reagierte er zynisch-sarkastisch auf meinen Vorwurf, dass er gerade jemandem zum Priester geweiht hatte, der schon vor der Weihe in einer Beziehung zu einem anderen in der Kirche tätigen Menschen lebte. Ich habe bis heute diese Aussage weder logisch noch theologisch verdauen können und nage an ihr, immer wieder, wenn neue Fälle hochkommen.

Ich war dann während fast 20 Jahren auch Mitglied der Kommission Bischöfe-Priester und während vielen Jahren ihr Protokolland. Auch hier darf ich weder Namen noch Gesprächsinhalte nennen. Aber dies halte ich hier einmal deutlich und formell fest: Im Auftrag der Kommission (und damit indirekt im Auftrag der Bischofskonferenz) führten wir während etwa 5 Jahren informell-vertrauliche Gespräche mit Vertreterinnen der ZöFra und des Vereins Adamim. Auch hier schrieb ich Gesprächsprotokolle, die sicher in den Archiven der Kirche liegen. In diesen Protokollen sind Aussagen von Vertretern der Kirche und Vorkommnisse (nicht im Umfeld von Pädophilie, aber von versteckten Beziehungen) festgehalten, die das Zitat von oben in brutaler Weise verdeutlichen.
[Damit keine Zweifel aufkommen, rufe ich als Zeuge/in an: Gabriella Loser Friedli, die damalige Präsidentin der ZöFra, und Jean-Pierre Brunner, den damaligen Präsidenten der KBP.]

In all diesen Jahren wuchs in mir die Frage: Warum tun wir uns dies an? Immer noch, immer weiter?

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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