Mehr als ein Dutzend neue Publikationen zu Niklaus von Flüe sind 2016 und 2017 bereits erschienen. Das ist eine unerwartet hohe Anzahl. Zu den, aus meiner Sicht, herausragenden Werken gehören die achtzehn poetischen Betrachtungen von Otto Höschle.
Otto Höschle, 1952 in Baden-Württemberg geboren und von 1961 bis 1987 in Obwalden wohnend, lebte als Fremdgekommener prägende (Jugend-)Jahre in Niklaus von Flües Nähe. Seither hat er sich mit dem nüchternen Aussenblick des Fremden wie mit dem wohlwollenden Innenblick des Vertrauten mit diesem «abhanden Gekommenen» beschäftigt.
Als Frucht seiner langjährigen intensiven Beschäftigung bereichert er das Gedenkjahr des Ranfteremiten mit einem ganz besonderen Geschenk: Seine 18 poetischen Betrachtungen werden ebenso vom Rauschen der Melchaa genährt wie vom Melmeti, dem Wind der Ägäis. Sie gehen unter die Haut und bleiben im Gedächtnis haften, ermöglichen eine Ahnung des ausserordentlich reichen und zugleich stürmischen Innenlebens Niklaus von Flües.
Niklaus von den Gegensätzen her verstehen
Der Dramaturg und Autor, Germanist und Islamkenner Otto Höschle hat erkannt, dass dieser die Mitte suchende Mann von den Rändern, den Gegensätzen her verstanden werden muss. Denn die Mitte ist, wo alle Kräfte, alle Gegensätze im Gleichgewicht zusammenfallen. Viele seiner 18 poetischen Betrachtungen gehen auf das Radbild oder sein <gewohnlich> Gebet ein, erfassen sie aus unterschiedlichen Perspektiven und vermitteln neue Einsichten über diesen «Wanderer zwischen den Zeilen».
Denn wie in Worte fassen, um nur eine Facette herauszugreifen, das Leiden im «sinnlosen, endlosen Nichthier, Nichtjetzt und Nichtsein»? Wie in Worte fassen, wenn «Gegenwart und Gegenwort» sich sehnsüchtig suchen, weil «Ort und Wort» in Raum und Zeit zu neuen Fragen und Zweifeln führen? In sorgfältigen Worten, die er «wie Nüsse nach Hohlheit» abklopft, spürt er dem in Worten nicht fassbaren Gefühl eines göttlichen Hauchs nach, der die Nähe unendlicher Geheimnisse ahnen lässt. Mehr Nähe ist nicht möglich.
Roland Gröbli
Höschle Otto (2016): Ranft, Achtzehn poetische Betrachtungen zu Bruder Klaus.
Bruder Klaus und Gefährten
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