Ob Niklaus ein Fasnächtler war? Diese Vorstellung passt schlecht zum Klischee des Asketen, der seinem Körper schon früh Entbehrungen abverlangte, bevor er schliesslich die letzten 19 Jahre seines Lebens gänzlich abstinent und enthaltsam zubrachte.
Es gibt aber eine erstaunliche Anekdote, die so ganz und gar nicht zu diesem Klischee passt. Einem jungen Mann aus Burgdorf, der ihn im Ranft besucht und fragt, nach welcher Weise der Mensch das Leiden Christi betrachten soll, gibt er zur Antwort: «Nach welcher Art du es machst, so ist es gut. Denn Gott weiss es zu machen, dass dem Menschen eine Betrachtung so schmeckt, als ob er zum Tanz ginge und umgekehrt weiss er ihn eine Betrachtung so empfinden zu lassen, als ober er im Kampfe streite.»
Auf die Irritation des jungen Mannes reagierend, bestätigt Klaus genüsslich: «ja, als solt er an ain dantz gon» (Durrer [1917], 406 f.).
Keine Frage: Niklaus von Flüe war Testosteron-erprobt. Beim Tanz geht’s Richtung Flirten und Freien. Erinnern wir uns: als er die Familie verlässt, ist Niklaus Junior vier Monate alt. Trotz langwierigem, zermürbendem Trennungsprozess und bereits exzessivem Fasten begegnete sich das Paar weiterhin intim. Klaus hat zehn Schwangerschaften erlebt; hat also während tausend Nächten am Schoss seiner Frau das Wunder heranwachsenden Lebens erspürt.
Niklaus’ Askese war nicht von Leibfeindlichkeit bestimmt! Motivation war sicher nicht Busse für irgendwelche Sünden. Er folgte einem Antrieb, der zum prophetischen Zeichen wurde. «Gott weiss …» Seine Visionen zumindest strotzen weiter vor Sinnlichkeit.
So schildert Klaus etwa einen unbekannten Pilger ohne falsche Scham in geradezu erotisch anmutenden Worten. Er redet von «Wollust und Begierde», diesen Pilger anzuschauen und erkennt in ihm «solche Liebe, die er für ihn hegte, dass er in sich geschlagen war, und erkannte, dass er diese Liebe nicht verdiente, und erkannte, dass die Liebe in ihm war» (Amschwand, 28)
Der asketische Einsiedler ist ob dem Fasten nicht blutleer geworden. Er erhielt sich eine Wachheit aller Sinne, die ihn offen machten für verschiedene Arten der Gottesbegegnung.
Peter Spichtig op
Bruder Klaus und Gefährten
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant