Was haben Americo-Liberians mit Israel zu tun?

Bevor ich die Frage – sicher recht provokativ – beantworte, eine Vorbemerkung: Die letzten Wochen brachten für Freunde Palästinas ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits hat der Sicherheitsrat UNO endlich die Siedlungspolitik Israels verurteilt –dank Obama, der auf sein Veto verzichten konnte, weil er bei Wahlkämpfen nicht mehr auf das Geld der Israel-Lobby angewiesen ist. Auf der andern Seite hat Trump angekündigt, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, was für die Zwei-Staaten-Lösung das Ende einläuten könnte.

Nun zur Titelfrage: Kürzlich blätterte ich wieder einmal im Buch «Afrikanisches Fieber» des Polen R. Kapuscinski (er ist kein Kapuziner, heisst nur so ähnlich). Darin beschreibt er das Leben der Gruppe Afrikaner, die in den USA Sklaven waren, freigelassen wurden und in ihre ursprüngliche Heimat geschickt wurden. Dort gründeten sie den Staat, den sie in Erinnerung an eine Befreiung «Liberia» nannten. Was der Autor über das Schicksal dieser «Americo-Liberians» (so nannten sie sich) schreibt, erinnert mich fatal an Israel und dessen Gründung (auch wenn es selbstverständlich Unterschiede gibt!):

«Sie kennen aus eigener Erfahrung nur einen Typ von Gesellschaft – die Sklavengesellschaft in den Südstaaten der USA.» Nach ihrer Ankunft errichten sie «genau so eine Gesellschaft, mit dem Unterschied, dass jetzt sie die Herren sein werden.

Die Ankömmlinge werfen sich nicht den hier lebenden Afrikanern an den Hals. Liberia ist eine Fortsetzung der Sklavenordnung, die dem Willen der Sklaven selbst entspricht. …Offenbar kann sich unfreies Denken, vergiftet durch die Erfahrung der Sklaverei, ein ‹in Sklaverei geborenes, von Kindsbeinen an in Ketten geschlagenes› Denken eine Welt, in der alle frei sind, gar nicht vorstellen.»

Schliesslich schreibt Kapuscinski: «Die Beziehungen gestalten sich von Anfang an schwierig, feindselig. Vor allem verkünden die Amerikoliberianer, dass nur sie Bürger des Landes seien.»

Hier liegt sicher der vorhin angetönte Unterschied: Die «Araber» im Staat Israel sind durchaus Bürger. Sie fühlen sich jedoch als «zweitklassige». Und die Palästinenser in den besetzten Gebieten? Ich muss dies nicht kommentieren. Dass ihnen Tag für Tag im Zusammenhang mit dem Siedlungsbau Land geraubt wird, spricht eine deutliche Sprache.

Werden eines Tages im «Heiligen Land» alle frei sein? Solange die einen meinen, bessere Menschen zu sein als die andern, ist es noch ein langer Weg bis dorthin.

PS: Ich bitte darum, dass man meinen Vergleich (ein solcher ist er) auf sich wirken lässt, bevor man die Antisemitismus-Keule schwingt …

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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