Hinter den Kulissen wird der Kampf um das konziliare Dokument über Maria bereits Mitte Oktober geführt. Wird es eine gesonderte Konstitution über Maria geben, oder soll ihr ein Kapitel der Kirchenkonstitution gewidmet werden?
Die Diskussion in der Konzilsaula wird – auf Anregung Papst Pauls VI. – am 24. Oktober 1963 durch zwei Reden eröffnet, welche die Vor- und Nachteile für jede der beiden Möglichkeiten aufzeigen. Schon vorher werden aber zahlreiche Argumentarien und Broschüren verteilt – auch in der Konzilsaula, obwohl dies eigens untersagt worden war.
Ärgernis erregt, dass der Franziskaner Carlo Balić zum Drucken seines Plädoyers für eine eigene mariologische Konstitution augenscheinlich die Vatikanische Presse verwendet hatte. Zudem hatte er der Schrift das Aussehen eines offiziellen Konzilsdokumentes verliehen. Es ist klar, dass dafür höhergestellte Personen an der Kurie die Einwilligung gegeben haben mussten. Auch sonst greift Pater Balič zu rigorosen Methoden. Er stellt die Frage nach dem Ort mariologischer Aussagen als eine prinzipielle Entscheidung für oder gegen Maria dar und attackiert Yves Congar als minimalistisch und nicht rechtgläubig (vgl. Co 1,486).
Während manche orientalischen Bischöfe für ein eigenes Dokument über Maria votieren, sind die orthodoxen Beobachter Nikos Nissiotis und Alexander Schmemann eher befremdet. «Im Orient ist Maria eine DIMENSION von allem: der Christologie, der Heilsgeschichte (Kontinuität mit Israel), der Ekklesiologie, des Gebetes. Deswegen bringen die Orthodoxen sie in alles ein, ohne jemals einen Traktat De Beata zu entwickeln» (Co 1,483).
Die Abstimmung in der Konzilsaula am 29. Oktober 1963 geht denkbar knapp aus: 1’114 Stimmen für die Eingliederung in die Kirchenkonstitution, 1’074 dagegen. Da eine Entscheidung getroffen werden muss, gibt es keine Alternative dazu, der knappen Mehrheit zu folgen. Auch Befürworter der Integration des Textes in die Kirchenkonstitution sind unglücklich. Congar spricht von einer «malaise» (Co 1,508), Dom Helder Câmara befürchtet Bitterkeit und Rachegelüste (vgl. CaLe 1,277).
Zugleich erwachen Sorgen im Blick auf ausstehende Abstimmungen. Diese werden jedoch um vieles eindeutiger ausfallen.
(emf; vgl. A 3,112-117; Ry 212-214)
Konzilsblogteam
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