Da ich dieses Jahr an Weihnachten ausnahmsweise nicht predigen muss, gibt’s hier keine eigene Predigt. Dafür zitiere und kommentiere ich bemerkenswerte weihnachtliche Gedanken, die ein Freund und Journalistenkollege vor zehn Jahren aufgeschrieben hat: der leider allzu früh verstorbene Sepp Bieger-Hänggi, der als Redaktor des Basler Pfarrblattes «Kirche-heute» im Edito schrieb:
«Hoffnung bedeutet: Sich halten an etwas, wofür es keine Gewissheit gibt. Tag für Tag belegt uns das Weltgeschehen die Abgründe menschlicher Bosheit. In dieser Lage scheint es nur noch die Alternative zu geben, zwischen Resignation und dem sich ‹zu Tode amüsieren›.
-Abgründe menschlicher Bosheit: Im Augenblick ist die Situation noch viel, viel schlimmer als vor zehn Jahren. Ein grosses Übel – der Terror – ist uns recht nahe gekommen. Wann wird es mitten unter uns sein? Wohl eine Frage der Zeit.
-Resignation: Ich darf hier wiederholen, was ich in Predigten der letzten Wochen gesagt habe: Die grösste Sünde ist die Resignation, die Haltung, man könne eh nix machen. Denn: Nur die Optimisten tun etwas, wie es in einem frz. Sprichwort heisst.
Weiter im Text von Sepp:
«Warum aber gibt es denn diesen unausrottbaren Gedanken, dass Sanftheit und Respekt, dass Gerechtigkeit und Frieden möglich sind? Belegt ist er nicht auf der Weltbühne. Immerhin ist es noch keinem noch so grossen Gewaltakt gelungen, ihn aus der Welt zu schaffen.»
Ja, die Hoffnung ist ein Steh-auf-Männchen (oder –Weibchen). Sonst gäbe es die Welt nicht mehr. Und: Man schaue die geistliche Lyrik aus der Zeit der jahrzehntelangen Kriege an. Wie viel Zuversicht mitten in einem verwüsteten Europa!
Sepp schrieb weiter:
«Die kleinen Hoffnungsfunken der alltäglichen Zuwendungen von Mensch zu Mensch und die leuchtenden Beispiele jener, die ihr Leben hingeben für andere, die aufrichtigen Bemühungen der Friedenspolitiker: Sie geben zwar keine Gewissheit, aber doch Wegweisungen zu einer Welt in Frieden, Hinweis auf eine verborgene, lebensfreundliche Geschichte. Die Geburt Christi hat sie ins Licht gerückt.
Wenn ich in die Welt schaue, finde ich, dass wir diese Hoffnung nötiger haben denn je.»
Die Worte bedürfen keines Kommentars. Hier nur noch ein Satz aus dem Edito von Sepp Bieger-Hänggi: «Es ist schön mit Euch auf dem Weg zu sein.»
Leider endete dieser gemeinsame Weg im August 2013 abrupt. Die Umstände machen mich sehr betroffen. Drei Jahre zuvor hatte ich im Vorstand der Tagsatzung, zu dem wir beide gehörten, an einer Sitzung mitgeteilt, ich würde für einige Zeit ausfallen, da ich vor einer Darmkrebs-OP stehe. In der Pause verriet mir Sepp, dass er die gleiche Diagnose habe …
Wir wurden einige Zeit später operiert und bekamen beide ein Stoma (künstlichen Darmausgang). Und wir wetteiferten miteinander, bei wem es zuerst rückgängig gemacht werde!
Wir erholten uns relativ bald relativ gut. Bis eines Tages ein Rundmail von Sepp kam, sein Arzt habe ihm gesagt, dass er nur noch kurze Zeit leben werde.
Es ist müssig zu fragen: «Warum er? Warum ich nicht?»
Ich möchte aber dem lieben Sepp heute nochmals eine Stimme geben. Und: Nutzen wir die Zeit!
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/weihnachten-die-hoffnung-stirbt-nicht/