Konzilsblogteam

Plädoyer für freie Rede, Liebe und Barmherzigkeit

Nach der im Tumult beendeten Sitzung vom 25. Februar 1963 kommt die Gemischte Kommission zum Text über die Offenbarung erneut zusammen. Sachlich bedeutsam ist die Entscheidung, das Verhältnis von Schrift und Tradition nicht in unterschiedlicher Ausdehnung (so dass die Tradition weiter reicht als die Schrift), sondern in gegenseitiger Verbundenheit zu beschreiben.
In der angespannten Atmosphäre ist es vor allem die Rede des eher zurückhaltenden Kardinals Joseph Lefebvre, die Eindruck hinterlässt. Mit aller Vorsicht wagt er, «die Stimme zu erheben, um auszudrücken, was mehrere unter uns im Hinblick auf die Schwierigkeiten empfinden, denen wir während unserer Sitzung begegnet sind». Gemeint sind die Meinungsverschiedenheiten.«Es kann, scheint mir, für unsere Schwierigkeiten keine Abhilfe geben, es sei denn aus der Überzeugung, dass ein jeder unter uns, welches auch immer seine Würde sei und einzig aus der Tatsache seiner Teilhabe an der lehrenden Kirche aufgrund seiner Weihe, das Recht und sogar die Pflicht hat, seine Meinung frei kundzutun und sein Stimmrecht frei auszuüben. Dazu schliesslich sind wir vom Pontifex Maximus zusammengerufen worden, der unsere eigenen Meinungen kennenlernen möchte. Das ist auch der Grund, weshalb der Gehorsam, den wir ihm schulden, uns voll und ganz dazu verpflichtet, diese Freiheit des Wortes und der Stimmabgabe in Anspruch zu nehmen. Auf der anderen Seite müssen wir alle bereit sein, das Dekret des Pontifex Maximus, wie auch immer es aussehen mag, vollständig und mit Freude anzunehmen».
Nach einer Respektsbezeugung vor den Kurienangehörigen fährt Lefebvre fort: «Dennoch sei es mir erlaubt, voller Respekt von ihnen zu erbitten, dass sie diese Macht, an die sie sich zwangsläufig gewöhnt haben […] auf eine zurückhaltendere Weise ausüben, ja dass sie auf sie verzichten, um auf dem Konzil Bischöfe unter ihren Mitbrüdern im Episkopat zu sein und sorgfältig in Brüderlichkeit mit ihnen unter der Autorität des Pontifex Maximus und mit der Hilfe des Heiligen Geistes die befreiende Wahrheit und das Wohl der Kirche zu suchen. Mögen sie sich dazu verstehen, sich nicht mit Autorität durchzusetzen, sondern lediglich ihre Meinung darzulegen und allein dem Pontifex Maximus die Sorge überlassen, an letzter Stelle zu entscheiden».
Lefebvre schliesst noch einen Rückblick auf die erste Konzilssession an. Es sei beklagenswert, dass der Vorbereitungstext [gemeint hier wohl jener über die Offenbarung] im Namen des Papstes vorgelegt worden sei, als sei er bereits verpflichtend, während der Papst eigentlich eine freie Diskussion gewünscht habe. Lefebvre erhofft einen Weg, «der es besser ermöglichen möge, unsere Arbeit in Freude und brüderlicher Nächstenliebe zu erfüllen. Wo Liebe und Barmherzigkeit walten, da ist Gott!» (zit. nach A 2,460f Anm. 59).(emf)

1. März 2013 | 00:03
von Konzilsblogteam
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