Pilgern in Skandinavien (1)
Jetzt in der Sommer – und Ferienzeit sind sie wieder unterwegs die vielen Pilger und Pilgerinnen nach Santiago de Compostela. Aus allen Himmelsrichtungen finden sich die Menschen auf dem letzten Wegstück zusammen – Santiago entgegen. Das grosse Fest des Heiligen Jakobus wird am 25. Juli begangen. Kaum jemand weiss, dass sich fast zur selben Zeit im hohen Norden, im schwedischen Vadstena und im norwegischen Trondheim, Ähnliches ereignet. Am 23. Juli wird in Vadstena/ Schweden das Fest der Nationalheiligen, der Heiligen Birgitta und am 29. Juli in Trondheim/ Norwegen das Fest des Heiligen Olav Patron Norwegens begangen. Pilger und Pilgerinnen strömen aus verschiedensten Himmelsrichtungen in den beiden Kirchen zusammen um den Gedenktag der Heiligen zu begehen. Meist haben sie viele Kilometer auf Pilgerwegen entlang an Flüssen oder durchs Hochland zurückgelegt. Im Schatten der Wallfahrt nach Santiago hat sich in den letzten Jahren eine reiche Pilgerbewegung in Skandinavien, vor allem in Schweden und in Norwegen, entwickelt. Und gänzlich unerwartet ist es eine Bewegung «von unten».
Pilgerwege
Schnell habe ich erfahren, dass es in Skandinavien längere und kürzere Pilgerwege gibt. Die meisten von ihnen sind gut dokumentiert und auch klar ausgeschildert, selbst dann, wenn sie durch gänzlich unbewohnte Landschaft führen. Die Geschichte der Kirchen in Schweden, die Vitae der Heiligen oder andere wichtige Ereignisse in der Geschichte werden hier im Norden buchstäblich sichtbar, erfahrbar und begehbar gemacht und mit dem Leben des Einzelnen oder der Einzelnen verbunden. Ich benenne im Folgenden vier Pilgerwege. Es ist zwar nur eine kleine Auswahl aus einer reichen Vielfalt. Dennoch scheinen diese vier mir unverzichtbar, da sie an die skandinavischen Klostertradition und die Heiligen des Nordens anknüpfen.
Wallfahrt nach Nidaros/ Trondheim – OlavswegDas wichtigste skandinavische Pilgerziel ist und war zweifelsohne der Dom von Nidaros/Trondheim, wo der Heilige Olav verehrt wird. Nach der Heiligsprechung von König Olav im August 1031 verbreitete sich die Verehrung für Olav geradezu explosionsartig im gesamten Nordeuropa, auf den Britischen Inseln und entlang der Ostsee. Olav Haraldsson, geboren im Jahre 995, stammte aus norwegischem Königsgeschlecht. Also Offizier stand er im Dienst der Engländer und Normannen. Getauft wurde er in Rouen. Im Jahre 1015, verliess er England, um seinen Anspruch auf den norwegischen Königsthron geltend zu machen. An Bord seines Schiffes befanden sich unter anderem mehrere englische Bischöfe, was darauf hinweist, dass er von Anfang an die Christianisierung Norwegens als seine Aufgabe ansah. Als dem ersten König Norwegens gelang es Olav das Land zu einer Einheit zusammen zubringen. Durch den Bau von Kirchen und das Einsetzen von Geistlichen wurde das Land unter seiner Herrschaft christianisiert. Er starb in der Schlacht um Stiklestad am 29.Juli 1030 beim Versuch sein Land nach einer Zeit des Exils zurück zu erobern. Ungefähr ein Jahr nach dem Tod des Königs wurde der Leichnam Olavs ausgegraben, und der Bischof erklärte ihn mit dem Einverständnis des Volkes zu einem heiligen Märtyrer. Damals war die Heiligsprechung noch das Recht der lokalen Kirche, jedoch erkannte auch der Papst Olavs Heiligenstatus an.Der Heilige Olav erfreute sich so enormer Beliebtheit, weil er – kurz gesagt – Bedürfnisse in allen sozialen Gruppen ansprach. Er wurde zum Helden der Bauern, zum Schutzheiligen der Seefahrer und fahrenden Kaufleute, ein stützende Kraft für Sesshafte und das Königshaus und galt als Beschützer der kleinen Leute. Heute machen sich Pilger und Pilgerinnen verschiedenster sozialer Gruppen, Nationalitäten und Konfessionen auf den Olavsweg. Dieser führt in seinem Hauptteil von Oslo nach Nidaros/Trondheim. 5000 km Olavspilgerweg sind erschlossen, davon 2000 km in Norwegen. Der am meisten Begangene ist der sogenannten «Gudbrandsdalsleden». Der Weg führt über das norwegische Hochland und durch wilde Täler nach Nidaros. Diese grandiosen Landschaften sind zum einen der Reiz des Pilgerweges. Die Einsamkeit, die Stille und die Schönheit der Natur schaffen Raum für die Begegnung mit Gott, dem Schöpfer allen Lebens. Geistliche Orte wie Kapellen, Kirchen und Pilgerzentren laden zur Rast und körperlicher wie geistlicher Erholung ein. Es mag die Weite der Landschaft und die Weite der Herzen der Menschen sein, die es einem einfach machen in Norwegen einen Schritt zurückzutreten und den Alltag hinter sich zu lassen, um die Fussspuren Gottes auf Erden zu entdecken. 1997 eingeweiht wurde der Olavsweg 2010 zum Zweiten Europäischen Kulturweg – nach dem Jakobsweg – deklariert.
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.


