Markus Baumgartner

Pfarrerehepaar rettet Pferdewagenferien

Thomas und Corinne Michel-Kundt zogen vor einem halben Jahr von Muhen AG nach Frankreich, wo sie Pferdewagenferien in den Vogesen anbieten. Mitten in der Pandemie in den Tourismus einzusteigen, machte den beiden keine Angst. Jetzt bieten sie Geniesser-Ferien an: Im 1-PS-Tempo durch die Natur. 

Das französische Dorf mit dem stattlichen Namen Fontenois-­la-Ville hat 135 Einwohner. Es ist ein malerisches Dorf im Departement Haute Saône. Zwei Suhrentaler Auswanderer haben daraus 137 gemacht: Pfarrer Thomas Michel und Ehefrau Corinne Michel-Kundt (beide 57) kehrten im Februar 2021 der Reformierten Kirchgemeinde Muhen bei Aarau nach elf Jahren den Rücken. Sie sind auf dem Lande – zwei Autostunden von Basel entfernt – ins Tourismusgeschäft eingestiegen. Sie übernehmen zwölf Pferdewagen mit denen sie Ferientouren anbieten, schreibt die «Aargauer Zeitung». Die Pferdewagenferien in Frankreich führen vorbei an herrlichen Wäldern, romantischen Dörfern und gemütlichen Wasserläufen. So lässt sich während der gemütlichen Fahrt in der Roulotte – so werden die Pferdewagen in Frankreich genannt – die Landschaft und die gemütliche Atmosphäre geniessen.

«En relativ freche Cheib»

Wie kam es dazu, die Pferdeferien zum Lebensinhalt machen? Zuerst war seine Antwort total ablehnend, sagt der in Basel aufgewachsene Pfarrer. Wann immer man aber auf einer Pferdewagentour an einem der Schilder mit Aufschrift «Bauland, erschlossen, 7 Euro pro Quadratmeter», vorbeigetrottet sei, habe man nur im Scherz gesagt, man müsse bei diesen Preisen zugreifen. Doch erstens rechnete das Ehepaar nicht mit der Hartnäckigkeit des Bürgermeisters: Dieser wollte den Verkauf des gemeindeeigenen Unternehmens am liebsten unter Dach und Fach bringen, bevor er zurücktrat. Und zweitens nicht mit dem leise, aber sicher aufkommenden Wunsch, doch nach Frankreich zu ziehen. Die Michels sind kein herkömmliches Pfarrer/Katechetin-Ehepaar. «I bi en relativ freche Cheib, i probiere oft öppis us», sagte Thomas Michel der «Aargauer Zeitung. Als Unternehmer sind sie für die Organisation und den Unterhalt des Geschäftes zuständig, leiten die Menschen an und betreuen sie wo nötig. Parallel dazu werden sie Events und Schulungen für Teams in besonderer Umgebung und mit besonderen Erlebnissen anbieten.

«Oder wir machen den Betrieb zu»

Der Gedanke, das Abenteuer «Roulotte – Planwagen» zu wagen, ging den beiden nicht mehr aus den Köpfen. Bodenständig zu leben. Beim Aufstehen zu merken, dass die Weide von Hirschen eingenommen wurde, die gar nicht daran denken, wegen ein paar Menschen zurück in den Wald zu fliehen. Das merkten auch die Lokalpolitiker von Fontenois-la-Ville, denen es langsam eilte mit dem Verkauf: «Entweder nehmt ihr es, oder wir machen den Betrieb zu», hiess es eines Tages vonseiten des Bürgermeisters.

Das Dorf sah im Pfarrehepaar den idealen Käufer für den Betrieb, der in den Jahren zuvor etwas heruntergewirtschaftet wurde. «Unter anderem, weil keiner im Dorf die Sprache der deutschen und Deutschschweizer Touristen spricht», wie Michel sagt. So fanden sie sich eines Tages dem elfköpfigen Gemeinderat gegenüber, um den Kauf zu diskutieren. Dies, nicht ohne zuvor ihren Vorsorgeberater zu konsultieren. «Falls es schiefgeht, könnt ihr trotzdem überleben», habe dieser gesagt.

Ferien in der Abgeschiedenhei

Kurze Zeit später gehörten die Holzwagen samt Pferden ihnen, zusammen mit einem Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert und zur Pacht 18 Hektaren Weideland. Die Comtois-Rösser sind klein und kräftig, mit Haaren, die über die Hufe wachsen – die typischen Bierwagenpferde. Das Haus mussten die Michels jedoch erst renovieren, bevor sie einziehen konnten.Mitten in der Pandemie in den Tourismus einzusteigen, machte den beiden keine Angst. Die Mission sei gewesen, das Geschäft wieder in Gang zu bringen, auf gemütliche Zeiten hätten sie sich also gar nie eingestellt. Covid könne dabei ein Stein im Weg oder aber ein Vorteil sein. Denn jetzt werde eine abgelegene Gegend auf dem Land plötzlich attraktiv für Ferien.

Bild zvg
23. Juli 2021 | 09:12
von Markus Baumgartner
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