Markus Baumgartner

Pensionierte Pfarrerin erhält Sozialpreis

Annemarie Studer, pensionierte Pfarrerin der Methodistenkirche in der Schweiz, wurde mit dem Sozialpreis der Stadt Burgdorf geehrt. Ihr langjähriges Engagement für und mit Menschen mit Migrationshintergrund versteht sie auch als eine aktive und stille Form des Widerstands.

Der Sozialpreis der Stadt Burgdorf wird alle zwei Jahre an eine Einzelperson, Vereine, Gruppen, Organisationen oder Unternehmen vergeben, die sich über längere Zeit freiwillig oder ehrenamtlich sozial engagieren. Ausgezeichnet werden Engagements zur Förderung der Integration von Personen die aus sozialen, psychischen oder gesundheitlichen Gründen in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind. Neben der persönlichen Anerkennung soll diese Auszeichnung auch die Bedeutsamkeit solch besonderer Leistungen und Aktivitäten hervorheben und würdigen. Das Preisgeld beträgt 8000 Franken.

Dieses Jahr verlieh die Stadt Burgdorf den den Sozialpreis für das Jahr 2021 an die pensionierte methodistische Pfarrerin Annemarie Studer. Sie erhielt die Auszeichnung für ihr langjähriges Engagement für und mit Menschen mit Migrationshintergrund. Die pensionierte Pfarrerin ist unter anderem mit Deutschkursen in der Arbeit mit Migranten engagiert. Bei diesen Kursen kämen dann auch die Nöte und Sorgen der Teilnehmenden zur Sprache. «Und dann gehe ich diesen Sorgen eben nach», sagt Annemarie Studer, als wäre dies die selbstverständlichste Sache der Welt. Also geht sie mit auf Ämter, macht Besuche oder hilft bei der Wohnungssuche. «Meistens ist das, was man tun kann, ja nur wenig», sagt sie.

Aushalten helfen

Dass sie so eng mit den Leuten unterwegs ist, lässt sie auch deutlich sehen, wie gross die Not bei den Migranten in der Schweiz ist. Letztlich sei das alles mit der Asylpolitik der Schweiz verknüpft. «Die ist im Moment sehr ‹schiiter›», sagt Studer. «Da kann man oft nichts anderes tun, als helfen aushalten.» Das heisst: Deutschunterricht geben – oder ein Gesuch schreiben, etwa ein Gesuch auf Familiennachzug oder ein Härtefallgesuch. Wie viel Zeit sie investiert, kann sie gar nicht genau sagen. «Ich zähle das nicht mehr zusammen.» Vermutlich sei das schon ziemlich ein volles Pensum an Arbeit. Wobei sie als Pensionierte doch ein grosses Privileg habe: «Wenn es kräftemässig nicht geht, kann ich sagen: ‹Ich brauche jetzt eine Pause!›»

Fremde Länder erkunden

Aus der intensiven Zusammenarbeit mit den Migranten sind auch Freundschaften erwachsen. Das sei ein ungeheurer Reichtum, erzählt Annemarie Studer. «Ich erhalte Einblicke in fremde Länder, die ich ja nie bereisen könnte – in meinem Alter ohnehin nicht mehr!» Eritrea, Äthiopien oder auch Afghanistan habe sie so ein wenig kennengelernt. Hin und wieder taucht sie sogar in die Kultur und die Lebensart dieser Länder ein. Sie lernt zum Beispiel die besondere Art des Humors kennen – und merkt, wie anders der funktioniert als in der Schweiz. «Und im Moment gibt es da noch keine Brücke, die das Verstehen ermöglicht!»

Eine riesige Überraschung

Die Preisverleihung war für Annemarie Studer ebenso eine Überraschung wie für die Öffentlichkeit. «Von der Stadt wahrgenommen zu werden, das bin ich mir nicht gewohnt.» Seit rund zehn Jahren engagiert sich die Pfarrerin in der Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund. Damals sei für sie klar gewesen: Sich für Menschen einzusetzen, die fremd sind in unserem Land, ist kirchlicher Auftrag. «Wenn wir den nicht wahrnehmen, dann sind wir einfach nicht Kirche.» Erst im Laufe der Zeit habe sie deutlicher auch die politischen Zusammenhänge wahrgenommen. Nach wie vor engagiere sie sich, weil sie der Überzeugung ist, dass dies der Auftrag der Kirche ist. «Aber», ergänzt sie, «heute das ist auch Widerstand. Stiller, aktiver Widerstand.»

Bild Quelle unsplash.com
1. November 2021 | 22:58
von Markus Baumgartner
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