Paragraphen statt Brot
Ein Konzil kann irren. So könnte man die Aussage von Gerald Mahon, dem Generaloberen der Mill-Hill-Missionare, vom 9. November 1964 interpretieren. Er erinnerte an das Erste Vatikanum und dessen Blindheit für die sozialen Fragen des 19. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Industrialisierung. Zu brennenden Erfahrungen der Menschen, besonders der Leidenden, nichts zu sagen und dazu keine Stellung zu beziehen, kann als Irrtum eines Konzils gedeutet werden – Irrtum durch Unterlassung. «Kein Wort der Ermutigung kam vom Munde der Kirche im Konzil für das Proletariat, die leidende Arbeiterklasse. Es war für dieses ein zweifelhafter Trost, dass die päpstliche Unfehlbarkeit definiert wurde.»
Für das Zweite Vatikanum stellte Mahon nun die soziale Frage des 20. Jahrhunderts in den Raum, die er als Frage internationaler sozialer Gerechtigkeit aufwarf: «In diesem Zweiten Vaticanum haben wir nun schon zweieinhalb Jahre hindurch wichtige Fragen des kirchlichen Lebens behandelt. Bis jetzt ist von uns noch kein Ruf nach internationaler sozialer Gerechtigkeit ergangen. Es gab wohl noch keine Gelegenheit. Aber heute ist die Ungleichheit zwischen den Völkern der Weltgemeinschaft ebenso schreiend wie früher die Ungleichheit zwischen den Volksschichten innerhalb der Nationen. Heute sind es nicht die Proletarierklassen sondern die Proletariernationen, die auf eine Entscheidung des Konzils warten. […] Wir müssen zur sozialen Gerechtigkeit unter den Nationen […] aufrufen, um die äusserste Armut der Welt zu beseitigen. Sonst könnten wohl die Hungrigen dieser Welt mit Recht sagen: Wir haben um Brot gebeten, und ihr habt uns ein Schema gegeben, ja nicht einmal ein Schema, sondern nur ein paar Paragraphen.» (AdF 3, 379f)
(ab)
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