Papst Franziskus und die Juden
Das erste Schreiben, das er nach seiner Wahl verfasste, war an die jüdische Gemeinde von Rom adressiert; das erste Staatsoberhaupt, das er empfing, war der israelische Staatspräsident Shimon Peres. Darüber hinaus hat sich der Bergoglio-Papst bereits mehrfach mit jüdischen Delegationen getroffen und stets betont, wie wichtig ihm freundschaftliche Beziehungen zum Judentum seien. Dies ist keine leere Rhetorik, wie ein Gesprächsband zeigt, den Jorge Mario Bergoglio 2010 als Erzbischof von Buenos Aires gemeinsam mit dem dortigen Rabbiner Abraham Skorka veröffentlicht hat. Die beiden Geistlichen nehmen in ihrem Gespräch «über Himmel und Erde» – so der Titel des 2013 auf Deutsch im Riemann-Verlag erschienenen Buches – neben theologischen Fragen wie Gott, Teufel, Schuld und Tod auch kontroverse Themen wie Abtreibung, Sterbehilfe, gleichgeschlechtliche Partnerschaften in den Blick.
Für Bergoglios Sicht auf das heutige Judentum signifikant ist das Kapitel über den Holocaust, die Vernichtung der europäischen Juden. Beide Gesprächspartner sind sich einig, dass diese «Passion der Passionen» (Emmanuel Levinas) Fragen aufwirft, die nicht nur Gott, sondern auch den Menschen betreffen. Die Klage «Wo war Gott?» dürfe die Frage nach der menschlichen Verantwortung – die «Anthropodizee» – nicht vergessen lassen. Für Bergoglio, der den Teufel für eine reale Macht hält, steht fest, dass Auschwitz ohne die Machenschaften des Bösen nicht erklärt werden könne. Die Kälte, mit der die Vernichtung geplant und durchgeführt wurde, sei dafür ebenso Anzeichen wie die Einschläferung der Gewissen und die Perfidie der Täter, jüdische Opfer in den Lagern zu Mittätern zu machen. Die Besonderheit der Shoah aber sieht Bergoglio in einer «götzendienerischen Konstruktion gegen das jüdische Volk». Die Idolisierung der Rasse habe als Preis die Vernichtung der Juden gefordert: «Jeder getötete Jude war eine Ohrfeige für den lebendigen Gott.»
Abraham Skorka ist gegenüber einer theologischen Deutung von Auschwitz zurückhaltend. Er erinnert daran, dass die Juden schlicht und einfach deshalb umgebracht wurden, weil sie Juden waren, nicht aus politischen oder religiösen Gründen. Der Rabbiner bevorzugt daher den Begriff «Shoah», der den Aspekt der Vernichtung anzeigt, während «Holocaust» eine religiöse Tiefendimension aufweist und «Ganzopfer» meint. Die Vorstellung aber, die Juden seien Gott geopfert worden, sei absurd. Auf Chagalls Gemälde «Die weisse Kreuzigung» anspielend, das den leidenden Jesus mit jüdischen Insignien zeigt, fügt der Rabbiner die bemerkenswerte Aussage an, in den Todeslagern seien nicht nur sechs Millionen Juden ermordet worden, sondern sechs Millionen Mal Jesus. Dadurch rückt er nicht nur die von Christen oft verdrängte jüdische Identität Jesu neu ins Bewusstsein, auch deutet er ein verborgenes Mitleiden des Gekreuzigten mit den jüdischen Opfern an – eine Andeutung, die Kardinal Bergoglio zustimmend aufgreift.
Brisant ist die Frage nach der Verstrickung der katholischen Kirche in die Politik des «Dritten Reiches». Bergoglio gesteht zu, dass es Bischöfe gab, die anfangs naiv auf Kooperation setzten, erinnert aber an den damaligen Bischof von Münster, Kardinal Graf von Galen, als mutigen Zeugen des Widerstands. Auch führt er Pius XI. an, der 1938, kurz bevor im Deutschen Reich die Synagogen brannten, dem Antisemitismus das Wort entgegensetzte, alle Christen seien Semiten. Pius XII. beurteilt er eher milde: Einerseits hat der Pacelli-Papst viele Juden in römischen Klöstern versteckt, Golda Meir und andere haben dies bestätigt, andererseits hat Pius XII. nicht öffentlich gegen Hitler Stellung genommen.
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