Papst Franziskus: der «Heilige Vater» und der «Heilige Sohn»
«Der Hirte muss nach seinen Schafen riechen.» Unter diesem Titel publizierte Paul Kreiner in der österreichischen «Presse» ein sehr lesenswerte Bilanz des bisherigen Wirkens von Papst Franziskus – einschliesslich seines ironischen Umgangs mit dem Titel «Heiliger Vater» …:
Doch, etwas hat Franziskus in seinen zwei Monaten als Papst noch nicht verändert. «Brüder und Schwestern!», sagt er, wenn er die immer grösseren Massen auf dem Petersplatz anspricht. Die Männer kommen im vatikanischen Sprachgebrauch immer noch zuerst.
Alles andere am Erscheinungsbild dieses Papstes ist neu. Verschwunden sind aus den Gottesdiensten die «Gardinen», jene fast nur aus Spitze bestehenden Chorröcke seiner Assistenten; Jorge Mario Bergoglio selbst hat sich bisher keines jener Messgewänder aus Goldbrokat umgelegt, die seinen körperlich zarteren Vorgänger Benedikt XVI. fast erdrückt haben und die dessen Festmessen eine Ästhetik anderweitig verflossener Kirchenpracht verliehen. Die Zeit der Nobelschuhe ist vorbei. Franziskus bleibt bei seinem eigenen, schlichten Messgewand, das er aus Buenos Aires mitgebracht hat. Und nicht nur, dass er auf die roten Schuhe verzichtet, die Ratzinger als Papst für unentbehrlich hielt: Bei der Generalaudienz vorigen Mittwoch trug Franziskus zum Entsetzen seiner auf Schöngeistigkeit getrimmten Umgebung unter der weissen Soutane wieder einmal seine schwarze Klerikerhose.
Das herrschaftlich barocke Ambiente des Apostolischen Palasts nutzt Franziskus höchstens vormittags: zum Empfang von Staatsgästen. Den Rest erledigt er im Hotel. «Ausserordentlich wohl» fühle er sich dort im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, sagt Pressesprecher Federico Lombardi. Da hat er zwar, anders als Benedikt, keine vier Schwestern, die nur ihn umsorgen; da wird für bis zu 120 Gäste gleichzeitig gekocht und Franziskus isst mit allen im Speisesaal. «Heiliger Vater, darf ich mich zu Ihnen setzen?», sprach ihn dort der junge philippinische Kardinal Luis Tagle an: «Aber bitte doch, heiliger Sohn», antwortete Franziskus. Mit dem Papst im Speisesaal. Und während unter seinem Vorgänger selbst Chefkardinäle grosser Kurienbehörden monatelang warten mussten, bis man sie zu ihm vorliess, sagen nun viele im Vatikan, es sei leicht, mit Franziskus ins Gespräch zu kommen. Oder besser: Kontakt suche er von sich aus. Jeden Morgen um sieben beispielsweise. Die Frühmesse in der Kapelle des Gästehauses ist zum Referenzpunkt für dieses Pontifikat geworden. Da feiert mit, wer gerade im «Sankt Martha» wohnt; da werden Vatikan-Bedienstete eingeladen und jeder mit Handschlag begrüsst; da predigt Franziskus Tag für Tag. Gegen eine Kirche, die auf sich selber bezogen sei und nicht hinausgehe «in die Peripherie der Städte und des Geistes». Gegen «Salon-Christen, die hier auch unter uns sind, nicht wahr: diese Wohlerzogenen, Braven, die der Kirche aber keine Kinder schenken, weil sie die apostolische Leidenschaft nicht haben, Christus zu verkündigen, und weil sie die Welt nicht aufrütteln, nicht stören».
Den Bischöfen und Priestern sagt er, sie sollten sich «nicht lächerlich machen und der Kirche schaden, indem sie dem Geld und der Karriere folgen». Seine Zuhörer bittet er: «Betet für uns Hirten, dass wir arm bleiben, demütig, milde, im Dienst am Volk.» Ein andermal drückte er es ganz direkt aus: «Der Hirte muss riechen nach seinen Schafen.» Den Nachsatz verkniff sich Franziskus, aber jeder konnte ihn sich denken: «… und nicht nach Weihrauch.»
Es sind kurze, aber eindringliche Predigten. In volkstümlicher Sprache aus dem Stegreif. Nach dem grossen «Gott-ist-Barmherzigkeit»-Auftakt zu Ostern legen sie langsam das Denken dieses Mannes offen, und doch veröffentlicht der Vatikan sie nur in Auszügen. Warum? Um dem Papst die Freiheit zu spontaner Rede nicht zu nehmen, meinen die einen; Pressesprecher Lombardi sagt, zur Veröffentlichung müssten die Predigten in Schriftform gebracht werden, da ginge die Originalität des Verbalen verloren. Wie auch immer: Das vatikanische «Betriebssystem» unterstützt das neue Format päpstlicher Äusserungen noch nicht. Prügel für die Konservativen. Eine dieser Predigten erregte besonderes Aufsehen, auch weil Franziskus sie genau am Geburtstag von Benedikt XVI. hielt, am 16. April. Da vermerkte er in fast dramatischer Rede, dass das Zweite Vatikanische Konzil, die grosse Versammlung zur Kirchenreform, auch nach fünfzig Jahren nicht recht umgesetzt sei: «Das Konzil war ein schönes Werk des Heiligen Geistes; wir errichten ihm ein Denkmal, aber wollen nicht, dass es uns in unseren schönen, bequemen Gewohnheiten stört. Wir wollen nichts verändern, einige wollen sogar zurück.»Damit aber, fuhr er fort, «werden wir starrsinnig. Wir wollen den Heiligen Geist zähmen. So geht’s nicht. So werden wir dumm und im Herzen schwerfällig. Der Heilige Geist stört uns, weil er will, dass wir weitergehen. Er drängt die Kirche voran, voran, voran.»
Zwar betonte der Vatikan (jedenfalls bis zu Franziskus’ Konzilspredigt) stets, dass theologisch zwischen Benedikt und seinem Nachfolger kein Blatt Papier passe, der neue Ansatz war aber offensichtlich: Benedikt hatte im Hinblick auf die Veränderungen des Zweiten Vatikanums zwar auch von «Hermeneutik der Reform» gesprochen, sie aber einer «bruchlosen Kontinuität» untergeordnet; Kirchenreformen hätten «in Zeiten der Glaubenskrise» keinen Platz. Von Kirchenreform hat auch Franziskus noch nicht gesprochen; jedenfalls nicht in dem Sinn, wie sie an der Basis gefordert wird: Abschaffung des Zölibats, Frauenpriestertum, Liberalisierung der Sexualmoral etwa.
Es geht nicht nur um Kondome. Schon als Kardinal störten Bergoglio Predigten, «die Christus verkünden wollen und doch nur bei Sexualfragen landen». Der «weit grössere Schatz des Heiligen Geistes» werde vernachlässigt, wenn man nur übers Verbot von Kondomen rede, sagte er damals. «Ich bin überzeugt, dass heute die fundamentale Entscheidung der Kirche nicht darin besteht, Vorschriften abzumildern oder zu streichen, sondern auf die Strassen zu gehen, um die Leute zu suchen.» Dabei seien Unfälle möglich, «aber eine verunglückte Kirche ist mir tausendmal lieber als eine, die von der verdorbenen Luft in ihrem Zimmer krank wird».
Kirchenreform, das wird klarer, besteht für Franziskus auch nicht darin, dass irgendeine Amtskirche vorangeht und die Gläubigen auf sie wie auf einen «Babysitter» warten, sondern dass sie ihren eigenen Auftrag als Getaufte ernst nehmen. In Japan, sagt er gern, habe man Missionare einmal verboten. «Als sie nach zwei Jahrhunderten zurückdurften, fanden sie die alten Gemeinden wieder vor, alle getauft, christlich verheiratet, der Glaube intakt. Ohne Priester. Nur weil die Laien den Mut hatten, die Sache weiterzutreiben.»
Die Kurienreform, der Umbau des vatikanischen Apparats, ist etwas anderes. Franziskus holte dafür acht Kardinäle aus aller Welt zu einem neuartigen Beratergremium zusammen. Sie sollen auch (darauf hatten die Kardinäle vor dem Konklave gedrängt) dafür sorgen, dass die «vielfältige Stimme der Weltkirche» in Rom mehr Gehör finde. Noch seien die Herren nicht zusammengetreten, aber jeder, sagt Lombardi, komme ab und zu in Rom vorbei und treffe vielleicht den Papst. Eine formelle Tagung der «Acht Weisen» liess Franziskus erst für Oktober einberufen: Es solle Zeit geben zur Vorbereitung, sagt Lombardi, der Papst verschaffe sich ja derzeit erst einen Überblick.
Eines hat auch Franziskus bisher unterlassen: Er berief die Chefs der Kurienbehörden noch nie zu einer gemeinsamen Runde ein. Benedikt tat das auch nur sehr selten, ihm wurde aber nicht zuletzt deshalb der Vorwurf gemacht, es gebe keine Koordination in der Kirchenleitung, jeder arbeite eigenmächtig. Warum Franziskus das nicht ändert, bleibt offen. Vermutlich, so heisst es, weil er die «Minister» bisher nur vorläufig im Amt bestätigt hat. Der mit dem Koffer kam. Zeit glaubt Franziskus offenbar zu haben, trotz seiner 76 Jahre. Leute, die ihn aus Buenos Aires kennen, sagen, er sei sich in seiner Geradlinigkeit treu geblieben, aber als Papst sichtlich stärker geworden. Das scheint auch Franziskus so zu sehen: Sein Amt übt er mit grösster Selbstverständlichkeit aus – er, der vor acht Wochen vom südlichen Ende der Welt kam, nur mit einem Koffer und ohne weitere persönliche Objekte, ohne Bücher oder Mitarbeiter, und der in Rom praktisch von null neu anfing.
(»Die Presse», Print-Ausgabe, 19.05.2013)
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