Charles Martig

Papst Franzikus würde «Ja» sagen zum Atomausstieg

Es gibt wenige politische Themenfelder, in denen die katholische Kirche klar Partei ergreift. Neben der Flüchtlingspolitik ist dies vor allem die ökologische Nachhaltigkeit. Papst Franziskus hat sich in der vielbeachteten Enzyklika «Laudato si» deutlich positioniert. Es geht ihm bei der ökologischen Frage nicht nur um die Umwelt. Es geht wesentlich auch um Fragen der Gerechtigkeit. Aus diesem Blickwinkel lässt sich sagen: Papst Franziskus würde zur Frage des Atomausstiegs, die am 27. November 2016 dem Schweizer Volk zur Abstimmung vorgelegt wird, ein überzeugtes «Ja» einlegen. Für alle, die sich bereits jetzt über diesen Blogbeitrag ärgern, bitte ich den Haftungsausschluss zu beachten.

Werfen wir einen Blick in die Enzyklika «Laudato si’», die sich ökologischen Themen zuwendet. Der innovative Schritt von Papst Franziskus besteht darin, dass er die ökologischen Fragen mit der Frage nach der Gerechtigkeit weltweit verbindet. Aus dieser Perspektive geht es beim Atomausstieg nicht einfach darum, wie wir unsere Umwelt in der Schweiz schonen und die Ressourcen besser nutzen.

Sind wir als Schweizerin und Schweizer solidarisch?

Es geht beim Atomausstieg um weltweite Solidarität. Es geht nicht an, dass wir in der Schweiz immer noch ohne Endlager für radioaktiven Abfall dastehen und dabei insgeheim davon ausgehen, dass sich das strahlende Material irgendwo auf der Welt entsorgen lässt. Ökologisches Handeln ist also immer mit sozialen Fragen verknüpft. «Die menschliche Umwelt und die natürliche Umwelt verschlechtern sich gemeinsam, und wir werden die Umweltzerstörung nicht sachgemäss angehen können, wenn wir nicht auf Ursachen achten, die mit dem Niedergang auf menschlicher und sozialer Ebene zusammenhängen.» (Laudato sí, 48). So plädiert Franziskus für eine sozial gerechte Umweltpolitik, die vor allem die Ärmsten in der Gesellschaft schützt, seien dies einzelne Menschen, Bevölkerungsgruppen oder ganze Länder.

Zukunft des Planeten gestalten

Es geht aber auch um generationenübergreifende Solidarität. In diese Richtung deutet die Aussage von Franziskus: «Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten. Wir brauchen ein Gespräch, das uns alle zusammenführt, denn die Herausforderung der Umweltsituation, die wir erleben, und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle.» (Laudato sí, 14). In einer nachhaltig orientierten, katholischen Soziallehre geht es darum, die Zukunft des Planeten zu gestalten. Es ist ungerecht, den nachkommenden Generationen einen risiegen Müllberg zu hinterlassen, gerade dann, wenn er hochgiftiges Material enthält.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Schweizer Bischofskonferenz  und ihre Kommission «Justitia et Pax» sich im Hinblick auf die Abstimmung vom 27. November für den möglichst schnellen Atomausstieg stark machen. Für sie ist «die Bewahrung der Schöpfung eine Grundaufgabe aller Christinnen und Christen.» Dabei geht es insbesondere um Prinzipien der katholischen Soziallehre. «Auch mahnt das Prinzip der Solidarität zu sorgfältigem Handeln im Bewusstsein der Verantwortung für die kommenden Generationen», hält Justitia et Pax fest.

Haftungsausschluss: «Jesus hat nie etwas über den Atomausstieg gesagt»

Wenn ich also meinen Stimmzettel jetzt ausfülle, tue ich dies in der Gewissheit, dass ich hiermit ganz und gar im Sinne der katholischen Soziallehre und der Enzyklika «Laudato sí» handle. Gott sei Dank gibt es einige klar denkende und mutige Entscheidungsträger in der katholischen Kirche, die eine globale Verantwortung in der Umweltfrage anmahnen. Zu ihnen gehört sicher Papst Franziskus.

Haftungsausschluss: Aus der Enzyklika lässt sich keine direkte Handlungsanweisung ableiten. Alle Katholikinnen und Katholiken, die «Nein» stimmen werden, bleiben natürlich katholisch und müssen weder beichten gehen noch aus der katholischen Körperschaft austreten. Die Meinungsfreiheit in unserer Demokratie bleibt also gewahrt. Frei nach dem Churer Diktum: «Jesus hat nie etwas über den Atomausstieg gesagt.»

 

Kernkraftwerk Gösgen im Abendlicht | © Barbara Ludwig
4. November 2016 | 10:46
von Charles Martig
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