Walter Ludin

Palästinensischer Kampf ohne Bomben

Eine Hintergrund-PhantasieUnser Fräulein Gut zeigte uns in der zweiten Klasse im Bibelunterricht eine Zeitungssseite: «Seht, hier steht›s: Die Juden haben nach 2000 Jahren wieder einen eigenen Staat gegründet.» Wir staunten. Denn dies geschah zu unseren Lebzeiten, als wir etwa dreijährig waren.Dass es auf israelischem Staatsgebiet andere Menschen gegeben hatte und viele davon vertrieben wurden, hat uns niemand erzählt. Und wenn es schon Google gegeben hätte: Das Stichwort «Palästinenser» hätte bis 1970 kaum viele Treffer gegeben.Wenige Jahre nach seiner Gründung gingen Tausende von Schweizer Jungmännern und Töchtern – so nannte man sie damals – in israelische Kibbuzim, um dort einen Arbeitseinsatz zu leisten. Darunter war mein Schulfreund Hans. Als ich ihn später nach den Palästinensern fragte, war er irritiert: «Ich war bei den Juden. Die andern –wie sagst du? – die Palästinenser habe ich nicht wahrgenommen.»Eine Ausnahme war Otto, unser Deutschlehrer, der uns kleinen Gymnasiasten 1962 unkonventionellerweise das Du angeboten hatte. Unkonventionell war auch seine Ansicht zu Israel, die er dort auf einer Reise entwickelt hatte. Die Israelis seien nicht immer und überall die Lieben und Braven. Ich hörte es. Doch genau fünf Jahre später, inzwischen im Noviziat, wusste ich nach Ausbruch des Sechstagekrieges genau, wie ich die damals noch üblichen Fluchpsalmen im Brevier beten konnte …Und dann, um 1970 geschah es: Palästinenser entführten Flugzeuge, verübten während den olympischen Spielen von München ein Massaker – und die ganze Welt sprach von ihnen. «Sie haben sich in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebombt», analysierten kluge Beobachter, die sie vorhin ebenfalls ignoriert hatten.Es konnte anders kommenPhantasieren wir: Das Schweizer Fernsehen – nein, dies gab’s noch nicht – die grossen Medien schicken ihre besten Reporter nach Israel und in die umliegenden Flüchtlingslager, um zu zeigen, wie es den Hunderttausenden geht, denen man buchstäblich das Land unter den Füssen weggenommen hatte.Die Orangenfrauen, lange vor den Bananenfrauen, verkaufen zu einem Solidaritätspreis Jaffa-Orangen und verhelfen Jugendlichen in Flüchtlingslagern zu einer guten Ausbildung. Vor allem aber geben sie die Orangen nur mit Infoblättern ab, in denen auf nicht verletzende Weise über den Nahostkonflikt berichtet wird.Das Fastenopfer – sorry, gab es auch noch nicht – die kirchlichen Vereine laden palästinensische Referenten und Musikgruppen ein. Und dies alles geschieht nicht nur in der Schweiz, sondern in Dutzenden von Ländern. Meine These: «Die Bombardierung ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit» wäre nicht nötig gewesen.Und heuteJede Pfarrei führt (Wort)Gottesdienste durch und lädt dazu Musikgruppen der Kurden, Uiguren und wasweissichwasvonwem dazu ein. Und in jedem Pfarreiheim werden mit ihnen Benefizkonzerte veranstaltet und dazu jede Menge Infos vermitteln. Damit sie sich nicht ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bomben müssen.Ich weiss, tönt alles ein bisschen naiv. Aber dahinter steht ein Konzept, das viel Blutvergiessen vermeiden könnte. Klug ausgearbeitet, könnte es verhindern, dass auch nach Jahrhunderthälften keine Lösungen in Sicht sind.

13. März 2010 | 01:27
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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