Vera Rüttimann

OST-KREUZ-TOUR: Jugendliche aus Kirchdorf (AG) in Berlin

Wenn ich nicht in der Schweiz für Auftraggeber unterwegs bin, publiziere ich in Berlin und führe dort immer wieder interessierte Gäste auf meiner OST-KREUZ-TOUR BERLlN durch die deutsche Hauptstadt. Genauer: Ich zeige als Zeitzeuge all die Orte, die mir in meinem nun 28-jährigen Berliner Leben zu Wegbegleitern wurden. Orte, die meist Spuren von gleich drei Systemen (»Zeitzonen») aufweisen: Nationalsozialismus, DDR, (Nachwendezeit) und wiedervereintes Deutschland. Ich zeige Orte, in denen ich mal mein Büro hatte wie im Haus Schwarzenberg an der Rosenthaler-Strasse 39 in Berlin-Mitte, wo sich die ganze Berliner Geschichte faszinierend verdichtet. Man kann in ihm lesen wie in einem offenen Buch. Das Haus mit seinen vielen Nebenhöfen erinnert an das Berlin der Nachwendezeit, ist heute mit dem Anne Frank-Zentrum und dem Blindenmuseum Otto Weidt jedoch auch ein wichtiger Ort jüdischen Gedenkens. Hier findet man beispielsweise die bekannten «Stolpersteine», Messingquader im Boden, die an die Toten des NS-Regimes erinnern. In den 90ern war die «Rosi 39» einfach ein graues Haus mit viel Graffitis. Von diesem Ort aus startete ich meine Foto-Touren und dokumentierte die Hauptstadt im Werden. Eine geniale Zeit.

Die meisten Orte, die ich Einzelpersonen und Schulklassen zeige, sind jedoch ausgesuchte Kirchen: So besuchte ich mit über 40 Jugendlichen der kath. Kirchgemeinde Kirchdorf (AG) und mit ihren Leitern vor einer Woche die Gethsemanekirche, wo sich einst die DDR-Opposition versammelte und die sich noch immer politisch positioniert (aktuell für in der Türkei zu Unrecht Inhaftierte); das Stadtkloster Segen, in dem Schweizer vor zehn Jahren begannen, eine evangelische Kommunität aufzubauen; die Zionskirche, auch die ein steinernes offenes Geschichtsbuch, wo Dietrich Bonhoeffer als Vikar in den 30er-Jahren wirkte und damals wie heute der Geist des Widerstand zu Hause ist; die Naunyn-WG (früher Jesuiten-WG), wo die Jüdin Iris Weiss über einen Ort erzählte, der seit den 60er-Jahren offen ist für Randständige jeglicher Art und wo das Projekt der «Strassenexerzitien» hervorging (es war so spannend, dass der Tee auf dem Tisch unberührt blieb);  das Lichtblick-Kino an der Kastanienallee, wo nicht nur Filme mit religiösem Hintergrund gezeigt werden, sondern auch Dokumentarfilme zum Thema Gentrifizierung; die «K77», ein ehemals besetztes Haus (in dem ich 1990 lebte), an dessen Fassade heute «Kapitalismus zerstört» prangt.

Führungen sind manchmal die Härte: Junge Leute und die 15, 16, das muss ich immer wieder lernen, können mit «Ismen» nichts anfangen. Es ist herausfordernd, diese Systembegriffe zu beschreiben. Und es bedarf einer gewissen Schlagfertigkeit, wenn die Frage kommt: «Wann können wir shoppen?»

Der Clou dieser Führung war: Erstmals konnte ich per mobilem Minibeamer und mobiler Soundbox historische Filmaufnahmen auf Böden und Hauswände projizieren, die einen Einblick gaben in das Berlin der letzten zwei Jahrzehnte. Dieses Tool unterstützte mich perfekt bei meinen Erzählungen, denn wie soll man beispielsweise in Worten glaubhaft schildern, dass die Oderberger-Strasse im Prenzlauer Berg bis 1989 eine Sackgasse war, weil an ihrem Ende  durch die Berliner Mauer «Dead End» war. Etwas, was sich selbst Ur-Berliner nach 28 Jahren ohne Mauer kaum mehr vorstellen können. Die Berliner Mauer steht schon so lange nicht mehr, wie sie einst stand. Einfach nicht zu fassen.

Die Schüler entdeckten bei jeder Station: Die Kirchen verharrten in den 90er Jahren nicht in Agonie, sondern rafften sich auf und erfanden sich neu. Immer wieder. Sie wurden zum Thinkthanks, interreligiösen Labors und gewagten Experimentierfeldern. Zu Orten, in denen mutig nach vorne gedacht und gelebt wird – ohne ihre geschichtsträchtige Vergangenheit abzustreifen, die bis heute ein wesentlicher Teil ihrer Identität ausmacht.

Mir geht es bei meiner Führung nicht um das blosse «Abhaken» von Orten. Jede Station ist einem Thema gewidmet: Sei es «Freiheit», «Gerechtigkeit», «Warten», «Kapitalismus» oder «Grenze». Und keine Führung ist gleich, wird nie zur Routine, weil sich die Stadt so rasend schnell verändert und auch (gerade in Deutschland) immer wieder historische Jahrestage anstehen, an denen man Diskussionen festmachen kann. So wie 2018 50 Jahre «68», 2019 dann «30 Jahre Mauerfall» und 2020 «20 Jahre Deutsche Einheit». Intensive Diskussionen und eindrückliche visuelle Erlebnisse sind da garantiert.

Mehr Infos:

www.ost-kreuz-tour.berlin

Weitere Termine + das Video zur Tour im April folgen demnächst.

Bildquellen

  • DSC07939: Vera Rüttimann
In der Naunyn-WG in Kreuzberg. © Vera Rüttimann 2018
26. April 2018 | 23:18
von Vera Rüttimann
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