Heinz Angehrn

Old-fashioned – «Il Trovatore» in Zürich

Wie lange haben wir uns danach gesehnt, wieder einmal eine richtig anständige Opern-Neu-Inszenierung in Zürich zu sehen.
Im harmloseren Fall wurde psychologisiert (»Pélleas et Melisande», «Jenufa»), historisch zeitversetzt (»Der fliegende Holländer», «Lohengrin») oder ironisiert (»Der Rosenkavalier», «Die Csardasfürstin»), im schlimmeren Fall aber wurde seitens von Wüterichen/innen wie Kusej, Gürbaca und Co. zertrümmert und bewusst schöne Musik in hässlichen Bildern präsentiert. Natürlich gab es auch recht anständige Produktionen wie etliche des Hausherrn (»La forza del destino», «I puritani») und dann alles von Barrie Kosky, der einfach zurzeit das Regietalent par excellence ist. Wenn Kosky psychologisiert, ironisiert oder zeitversetzt, dann tut er das immer perfekt und in perfekten Bildern, ihm kann kaum etwas missraten (»Macbeth», «Eugen Onegin», «Boris Godunow»).

Aber dann kam die walisische Regisseurin Adele Thomas (eine Koproduktion mit Covent Garden) und inszenierte das Verdi-Ungetüm «Il trovatore» neu (Ungetüm insofern, als dass diese Oper voller herrlicher Melodien und bar jedes sinnvollen Handlungs-Gerüstes ist). Und sie inszenierte so, dass man selbst mit aufgeweckten Kindern in diese Produktion gehen könnte, und auch diese hätten ihren Spass daran. In ferner finsterer Vergangenheit, umzingelt von den Malzähnen eines bösen Monsters kriechen grausige Gestalten aus Höllenlöchern, fliehen verängstigte Nonnen vor ihrem Drohen, tobt eine tumbe Soldateska über die Bühne, haben Zigeunerchöre und -Schicksal ihren würdigen Platz und finden alle Protagonisten/innen wie vom Libretto vorgesehen ihren physischen oder psychischen Tod. Nichts wird ausgelassen: Das Liebesglück ist mit Goldblitzen umrahmt, des bösen Grafen Herz schimmert in Pink, der abgeschlagene Kopf des Trovatore kullert zum Schluss die Treppe hinab.

Welches Glück, endlich wieder einmal die Kunstform Oper geniessen zu dürfen, ohne um sieben Interpretationsecken herum mitdenken zu müssen, ohne sich mitverantwortlich fühlen zu müssen für alle Übel der Menschheitsgeschichte, ohne ständiges Erinnern daran, was Klischees sind und dass sie nicht immer zutreffen.

Gesungen haben übrigens auf Weltklasse-Niveau Marina Rebeka als Leonora (die ihr Gift hier aus dem Brustkreuz schlürft), Piotr Beczala in der gefürchteten Partie des Manrico (wenn das «corro al morir» nicht sitzt, dann kann der Tenor nach Hause gehen) und Agniezka Rehlis als Zigeunerin Azucena, heimliches Zentrum der ganzen Misere. Leider hielt Quinn Kelsey als Luna nicht ganz mit, seine grosse Arie verblasste gegenüber den Vorbildern von Tézier und Hvorostovky. Der neue Musik-Chef, Gianandrea Noseda, erlebte so ein glanzvolles Debut.

Nun denn: Hingehen, geniessen, wie ein Kind sich freuen daran, dass es die Oper gibt.

(Apropos: Herr Wildhagen, unser aller neuer Hanslick, würdigte die Regie von Frau Thomas in seiner NZZ-Kritik kaum eines Abschnitts, warum wohl?)

Bildquellen

  • : Opernhaus Zürich
12. November 2021 | 06:00
von Heinz Angehrn
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