Konzilsblogteam

Ökumene im Kalten Krieg

Der 4. Oktober 1962 steht mit einer traurigen Wirklichkeit in meiner Erinnerung und mit einer fröhlichen Hoffnung. Vom 27. September bis 2. Oktober 1962 hatte Prälat Willebrands Moskau besucht. Er überbrachte die offizielle Einladung an die Russische Orthodoxe Kirche, Beobachter zum 2. Vatikanischen Konzil zu entsenden. Traurig daran ist, dass das geplante Konzil das erste Ökumenische Konzil ist, bei dem man in Ost und West der Meinung war, die orthodoxen Bischöfe könnten nicht als normale Teilnehmer wie jeder katholische Bischof eingeladen werden.
Die Reise war hochpolitisch, denn noch im Mai 1961 wiesen Moskauer Repräsentanten den Gedanken an einer Konzilsteilnahme zurück, weil man in Moskau eine Verdammung des Kommunismus befürchtete. Rom aber wollte mit Moskau allein verhandeln, um die Teilnahme der katholischen Bischöfe aus dem Ostblock zu ermöglichen. Dieser Schritt war aber wegen den Spannungen innerhalb der Orthodoxie zwischen Moskau und Konstantinopel heikel.
Fröhliche Hoffnung besteht aber, weil die Einladungen trotz der Widerstände persönlich den Patriarchen überbracht wurden. Erzbischof Nikodim (Rotov), der damalige Leiter des Kirchlichen Aussenamtes des Moskauer Patriarchats und spätere Metropolit von Leningrad, führte die Gespräche mit den Gästen aus Rom. Nach der Rückreise sandte Kardinal Bea am 4. Oktober die offizielle Einladung nach Moskau. Erzpriester Vitalij Borovoj und Archimandrit Vladimir Kotljarov wurden als Beobachter entsandt. Sie trafen am 12. Oktober 1962 in Rom ein. Auch die übrigen Patriarchate entsandten später Beobachter, die in den Ausschüssen aktiv mitarbeiteten; dies wurde aber erst nach der historischen Begegnung zwischen Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras im Januar 1964 in Jerusalem möglich.
Das Konzil erfüllte die Hoffnungen der Einladung des 4. Oktober 1962: Die Orthodoxen Kirchen wurden wieder als Schwesterkirchen anerkannt. In der Entfremdung zwischen Ost und West liegen nicht Glaubensunterschiede, sondern eine Verschiedenheit der Mentalität und der Lebensverhältnisse (vgl. UR Nr. 14). Das Schreiben «Dominus Iesus» der Kongregation für die Glaubenslehre hat das im Jahr 2000 bekräftigt (vgl. Nr. 17): Die Orthodoxen Kirchen sind echte Teilkirchen wie jedes katholische Bistum, auch wenn sie den Primat des römischen Papstes in seiner modernen Form der Ausübung nicht anerkennen.(Nikolaus Wyrwoll, vgl. A. Melloni (Hg.), Vatican II in Moscow (1959-1965), Leuven 1997; A 1, 366-368.)

4. Oktober 2012 | 00:03
von Konzilsblogteam
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