Nochmals: Der Papst und die Reformen. Lesenswerte Überlegungen von Walter Kirchschläger
Über das Thema «Papst Franziskus und die Reformen» wurde schon sehr viel geschrieben, auch hier. Dennoch gebe ich dazu einige Bemerkungen von Walter Kirchschläger wieder, die einen wertvollen Diskussionsbeitrag bedeuten. (Aus einem Inter mit der «Presse»)
Was sind für Sie die grössten Versäumnisse der jüngeren Kirchengeschichte?
Petrus war unbestreitbar eine Führungsperson, aber er hat immer als ein Mitglied des Zwölferkreises gesprochen. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Amtsverständnis so entwickelt, dass Papst und Bischöfe einander fast gegenüberstehen. Das ist eine Entwicklung, die man nicht gut heissen kann.
Dieses Amtsverständnis wird ja jetzt auch durch Franziskus revidiert.
Das wird offensichtlich revidiert, Schritt für Schritt. Der Theologe Hans Küng hat klug festgestellt, dass ein Ozeantanker nicht in kürzester Zeit auf einen neuen Kurs gebracht werden kann, weil sonst die Gefahr des Zerbrechens gross ist. Das Bild ist sehr real. Wenn alle Reformen verwirklicht werden, die sich angestaut haben, weil wir fünfzig Jahre lang die Augen verschlossen haben, dann hätten wir die Gefahr einer Kirchenspaltung. Weil so lange nichts passiert ist, besteht ungemeiner Handlungsdruck und Handlungsbedarf.
Die Frage ist, wie viel Zeit Franziskus und der Kirche bleiben.
Parallel mit dem Reformstau ist auch die Ungeduld der Menschen gewachsen. Es ist im 21. Jahrhundert eine Frage der intellektuellen Redlichkeit und Glaubwürdigkeit, dass Argumente ausgetauscht werden und dass weitergedacht wird und keine Redeverbote erteilt werden, wie das Johannes Paul II. bei der Frage der Frauenordination versucht hat. Das ist kein Führungsstil.
Wäre nicht ein erster Reformschritt das Diakonat für Frauen?
Wir müssen in der Kirchenstruktur einen Paradigmenwechsel vornehmen. Wir haben das dreigestaltige Weiheamt mit Diakon, Priester und Bischof. In der Seelsorge gibt es aber viele andere Dienstformen, die so qualifiziert sind, dass es sinnvoll ist, sie durch Gebet und Handauflegung, also Weihe, zu übertragen. Es sollte also gelingen, diese Dreigestaltigkeit zu einer Vielgestaltigkeit zu machen, auch regional unterschiedlich, den Bedürfnissen der Ortskirchen entsprechend. Die Kirche ist kein multilateraler Konzern. Katholisch zu sein heisst nicht globalisiert, sondern weltweit vernetzt zu sein. Katholisch heisst nicht gleich zu sein überall auf der Welt. Wir sprechen nicht gleich, wir denken nicht gleich.
Der Titel Ihres neuen Buches lautet «Christus im Mittelpunkt». Müsste das für Christen und die Kirche nicht eine Selbstverständlichkeit sein?
(…) Der biblische Befund sagt, Christ-Sein heisst Nachfolge leben, sich orientieren an Jesus Christus. Da habe ich seit einem Jahr einen Bischof von Rom, der zeigt, wie das gehen könnte.
Wird Franziskus nicht mit einer beinahe schon Heilserwartung überfrachtet?
Ja, aber mit dem Tag seiner Wahl hat sich etwas gewandelt: von der Hoffnung, dass etwas anders wird, zum beginnenden Prozess, dass es anders wird.
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.


