Konzilsblogteam

Nach dem Konzil ist vor dem Konzil

Für Lukas Vischer (1926-2008) lautet die gemeinsame Antwort auf die Herausforderung, wie sie sich nach dem Abschluss des II. Vaticanums darstellt, dass alle Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sich auf den Weg in Richtung eines «universalen Konzils» machen sollten (s. Konzilsblog 20.12.2015). Die Vollversammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Uppsala 1968 und Nairobi 1975 waren in der Tat in hohem Masse von dieser Intuition Vischers geprägt. 1983 schliesslich wurde in Vancouver der Anfang für das gemacht, was 1989 in die erste europäische Ökumenische Versammlung für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in Basel (Vischers Heimatstadt) mündete.
Vischers ausgeprägte visionäre Kraft war freilich von einem ebenso starken, wenn nicht noch stärker ausgeprägten Realismus sekundiert. So war für ihn die mögliche Teilnahme an einem «universalen Konzil» nicht nur ein Ziel, sondern auch ein Kriterium für die ökumenische Ausrichtung von Leben und Lehre der einzelnen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, das seinerseits in diesem Sinn immer mehr «konziliar» sein sollte.  
Die Erfahrung des II. Vaticanums war für Vischer (trotz mancher Kritik en gros et en détail) bei alledem Vorbild und Massstab. Sein Werben für ein «universales Konzil» stellt ein besonders eindrückliches Beispiel dafür dar, wie das II. Vaticanum über die Grenzen der römisch-katholischen Kirche hinaus auf die gesamte Christenheit einwirkte. 
(mq; für die Nachweise vgl. Michael Quisinsky, Ökumenische Perspektiven auf Konzil und Konziliarität. Lukas Vischer und die Vision eines «universalen Konzils», in: Cath(M) 66 (2012), 241-253; ders., Lukas Vischer als «nichtkatholischer Beobachter» von Konzilsereignis, Konzilsrezeption und Konzilshistoriographie, in: Münchener Theologische Zeitschrift 63 (2012), 308-326)
 
 

21. Dezember 2015 | 00:01
von Konzilsblogteam
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