Mythos Neutralität
Von Neutralität wird derzeit hierzulande viel geredet. Wer an ihr zweifelt, ist wohl ein Landesverräter. Doch: Wie neutral waren wir zum Beispiel während des 2. Weltkrieges. Dazu in einem NZZ-Gastkommentar Beat Wyss, Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie (er wuchs übrigens hier in «meinem» Quartier auf, ist also Schweizer und wie er betont «kein Schwob»….). Ausgangspunkt sind die Ferienplatzierungen deutscher Kinder nach dem Krieg:
Was wussten die Gastfamilien der Kinder aus Deutschland über geschäftliche Verbindungen von Landsleuten mit den Nazis? In der Tat: Das Thema Fluchtgeld und nachrichtenlose Vermögen wurde erst Jahrzehnte später publik. Doch von der lukrativen Kriegswirtschaft konnte die Öffentlichkeit schon zu Kriegszeiten wissen. Der aus Pforzheim stammende, 1937 eingebürgerte Emil Georg Bührle, Mehrheitsaktionär der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, machte ein Riesengeschäft mit dem Deutschen Reich. Das Auftragsvolumen während des Zweiten Weltkriegs betrug jährlich 120 bis 180 Millionen Franken, während die Alliierten nicht beliefert wurden. Die Schweiz sei von den faschistischen Achsenmächten umgeben, war eine Entschuldigung, welche die USA nicht gelten liessen. Bührle stand auf der schwarzen Liste der Kollaborateure bis 1947, als die US-Navy mit Oerlikon in Sachen Flugabwehrraketen ins Geschäft kam.
Das bringt uns auf ein anderes heikles Thema, das von den Schweizern gern verdrängt wird. 38 alliierte Bomber gingen in der Nordostschweiz nieder. Manchmal waren die Flugzeuge gezwungen, nach Einsätzen gegen Deutschland wegen Treibstoffmangels die Abkürzung über eidgenössisches Hoheitsgebiet zu nehmen. Dabei kam es zu Abschüssen seitens der Schweizer Flugabwehr, die gnadenlos auch auf notlandende beschädigte Maschinen schoss. Man begründete die scharfe Haltung mit den 70 irrtümlichen Bombardierungen in der Nordostschweiz, denen 84 Menschen zum Opfer fielen.
Doch die Alliierten hatten Mühe, das eigensinnige Wehrverhalten der Eidgenossen zu akzeptieren. Immer wieder kam es zu Klagen wegen Ungleichbehandlung abgeschossener Piloten. Angehörige der Wehrmacht würden, im Gegensatz zu den Amerikanern, nicht gefangen genommen, sondern ungeschoren wieder heim ins Reich gelassen; einige deutsche Soldaten hätte man gar zur Erholung nach Davos geschickt.
Die Schweiz liess sich die Unterbringung der internierten Piloten vergüten. Nach vierjährigen zähen Verhandlungen zahlten die Amerikaner für Kost und Logis der in der Schweiz gestrandeten Soldaten 14,4 Millionen Franken. Die 61 Soldaten, die zwischen März 1944 und November 1945 in der Nordostschweiz nach Luftgefechten verstarben, wurden im Amerikanerfriedhof Münsingen beerdigt. Die letzte Ruhestätte blieb allerdings Provisorium. 1948 wurden die sterblichen Überreste der Soldaten exhumiert und in ihre Heimat zurückgeführt. Die Schweiz als neutraler Staat wünschte keine gemeinsamen Erinnerungsstätten in Europa und Amerika. Wir sind wir! Schliesslich hatte man sich im Sinne immerwährender Neutralität am eigenen Schopf aus dem Kriegsschlamassel gezogen.
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