Walter Ludin

Muss die Kirche schweigen?

Wie politisch darf die Kirche sein?(In meiner Abwesenheit wurde auf meinen alten Bekannten Felix Gmür eingedroschen, weil er es als Bischof wagte, sich für eine Kirche einzusetzen, die politisch Stellung bezieht. Zur gleichen Zeit erschien im Franziskuskalender 2012 von mir ein Artikel über das Thema. Hier ist er:)
Sich einmischen oder stumm bleiben?Für viele ist sie ein Schreckgespenst: eine Kirche, die sich politisch äussert. Sie soll doch sich darauf beschränken, das Evangelium zu verkünden. So einfach ist es nicht, da auch das Evangelium alles andere als unpolitisch ist. Wer es ernst nimmt, muss sich für die Menschenwürde einsetzen.
Wir Schweizer Kapuziner haben unser eidgenössisches Stimm- und Wahlrecht erst ein Jahr vor der Einführung des Frauenstimmrechts ausgeübt. Ich schreibe bewusst von «Ausübung». Denn im Gegensatz zu den Frauen wären wir stimm- und wahlberechtigt gewesen. Doch es hiess: «Wir sind für alle Volksschichten da. Wenn wir eine bestimmte Partei wählen würden, wären wir nicht mehr neutral.»Dennoch: 1970 gingen wir erstmals an die Urne, anlässlich der Abstimmung der Schwarzenbach-Initiative. Wäre diese angenommen worden, hätten innerhalb kurzer Zeit rund 300’000 Ausländer die Schweiz verlassen müssen. Jede Stimme zählte, um dieses Unrecht abzuwenden; auch die unsrige …BürgerpflichtenInzwischen hat sich in weiten Teilen der Gesellschaft und innerhalb der Kirche die Überzeugung durchgesetzt: Jeder Christ, jede Christin hat die Pflicht, sich um öffentliche Angelegenheiten zu kümmern und verantwortungsbewusst in der Politik mitzuentscheiden. Die Kirche darf sie dabei nicht allein lassen. Sie hat den Bürgern und Bürgerinnen bei der Ausübung ihrer Pflichten Orientierungshilfen anzubieten.Dies ist etwas anderes als die Einmischung des Klerus in das alltägliche öffentliche und private Leben wie wir sie aus den vorkonziliaren Zeiten kennen. Zum Beispiel bestimmte der Pfarrer von der Kanzel aus, ob die Bauern an einem bestimmten Sonntag ihr Heu einbringen durften. Das Konzil wollte zu Recht solche Einzelanweisungen stoppen.Es nahm die Mündigkeit der Menschen ernst. Aber ebenso entschieden betonte das Zweite Vatikanische Konzil, die Kirche dürfe und müsse auf die Gesellschaft einwirken, indem sie ihre Wertvorstellungen einbringt. Die Kirche «nimmt das Recht in Anspruch, auch politische Angelegenheiten einer sittlichen Beurteilung zu unterstellen, wenn die Grundrechte der menschlichen Person oder das Heil der Seelen es erfordern.»Mit andern Worten: Wenn es um kaum weltbewegende, sachliche Fragen geht wie um eine Strassenführung, ist es nicht unbedingt Sache der Kirche, sich dazu zu äussern; oder um die Gestaltung eines neuen Strandbades. Allerdings: Anfang der 1960er-Jahre erlebt ich, wie ein Vikar von der Kanzel herab den Stimmbürgern fast die Hölle heiss machte, wenn sie Ja sagen würden zu einem Strandbad am Sempacher See. Es ging seiner Meinung nach durchaus um eine sittliche Frage. Denn das Bad sollte «gemischt» sein – was zum Untergang der Moral führen würde …Kein kirchlicher EgoismusAuch wenn dieses Beispiel zeigt, dass kirchliche Stellungnahmen nicht unbedingt der Gefahr entgehen, unsachgemäss oder (im Nachhinein!) lächerlich zu wirken: Sie sind unverzichtbar. Bereits vor über 30 Jahren hat auf schweizerischer Ebene die evangelisch-reformierte Synode darauf hingewiesen und dafür grundsätzliche Leitplanken erarbeitet: Die Kirchen müssten «die übergeordneten Interessen der Gerechtigkeit und des Friedens für alle Nationen in Erinnerung rufen. Sie dürfen weder an den beschränkten Interessen des eigenen Landes hängen bleiben, noch die eigene Sicherheit zum bestimmten Massstab des politischen und ökonomischen Handelns machen.»Ich füge hinzu: Legitime kirchliche Interessen zu verteidigen, ist sicher erlaubt. Aber sie sollten nicht der einzige und entscheidende Massstab sein. Ein Beispiel: 1972 machte ich ein Praktikum bei der Integrierten Gemeinde von München. Sie betonte fast bis zur Bewusstlosigkeit, das ganze alltägliche Leben müssen aus dem Glauben heraus gestaltet werden. Doch offenbar machte diese Überzeugung vor der Politik halt. Als ich mitten in einem der heftigsten deutschen Bundestags-Wahlkämpfe ein führendes Mitglied der «Gemeinde» fragte, welche Partei diese bevorzuge, bekam ich die erstaunliche Antwort: «Für uns ist die SPD nicht wählbar. Wenn sie an die Macht kommt, verstaatlicht sie die Häuser – und wir besitzen doch eine ganze Menge.» Ich war erschüttert: nicht nur, weil man auf die verleumderische Propaganda der andern grossen Partei hereingefallen war; sondern auch, weil es hier nur die eigenen Interessen und nicht das Gemeinwohl in die Überlegungen einbezogen wurden.Drei berühmte BuchstabenBleibt die Frage, nach welchen Kriterien das Gemeinwohl von der Kirche zu beurteilen ist. Die unvergessene Erste Europäische Ökumenische Versammlung von Basel hat 1989 dazu den herausfordernden Dreiklang Gerechtigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung/GFS formuliert. Die drei Buchstaben GFS vermögen meines Erachtens sehr gut, die Werte der Botschaft Jesu in die Gegenwart hinein zu buchstabieren. Und schliesslich ist das Evangelium der Bezugspunkt der politischen Stellungnahmen der Kirche. Und dort spielen Menschenwürde, Gerechtigkeit, Ehrfurcht vor der Schöpfung eine wichtige Rolle.Auch in diesem Zusammenhang erlebte ich eine kleine persönliche Erschütterung: Ich war in einer Gruppe eines kantonalen Seelsorgerates, die mit dem Synodalrat (Exekutive der Landeskirche) darüber diskutierte, wie wir gemeinsame Stellungnahmen erarbeiten könnten. Überraschenderweise stiessen wir auf grundsätzliche Skepsis: «Wir leben von Steuergeldern. Wenn wir uns politisch äussern, gibt es sicher Gruppen, welche die Sache anders sehen. An welchen sollten wir uns ausrichten.» Trotz einem inneren Wutanfall versuchte ich zu erklären, dass nicht etwelche bürgerlichen Vorlieben, sondern die Botschaft des Evangeliums die Richtschnur kirchlichen Handelns und Sprechen ist.Ich erwähne auch das Handeln. Denn so wichtig Orientierungshilfen und Gewissensbildung sind, darf sich die Kirche nicht darauf beschränken. Sie muss selber tun, was sie von den andern erwartet. Nur so bleibt sie glaubwürdig.

20. Juni 2011 | 01:14
von Walter Ludin
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