Markus Baumgartner

Mönch schrieb Bestseller vor 600 Jahren

Thomas von Kempen verfasste ein Buch, das lange in fast jedem christlichen Haushalt zu finden war. Es ist eine der populärsten christlichen Erbauungsschriften: Das Buch «Von der Nachfolge Christi» bot spirituelle Stärkung und praktische Lebenshilfe. Dieses Buch wurde fast so häufig gelesen wie die Bibel. Damit schrieb der niederländische Mönch vor 600 Jahren einen Bestseller. Es erreichte unter anderem auch Dietrich Bonhoeffer und Agatha Christie.

Der grosse Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung war Sohn eines Pfarrers. Er berichtet im «Das Rote Buch» von einem Traum: Ein Mann träumt vom Besuch einer Bibliothek. Er leiht sich «Die Nachfolge Christi» aus. In der Küche findet er einen ruhigen Ort zum Lesen und kommt mit der Köchin ins Gespräch. Sie kennt und schätzt das Buch, das sie von ihrer Mutter geerbt hat: «Ich bete oft abends drin», erzählt sie. «Es hat mich schon oft in schwerer Stunde getröstet, und man kann sich immer einen Rat drin holen.» Am Küchentisch schläft der Mann ein und träumt nun seinerseits – und da zerrinnt ihm die Bedeutung der «Nachfolge Christi». Wieder erwacht, bringt er das Buch zurück. Der Bibliothekar: «Diese Andachtsbücher sind entsetzlich langweilig.» Der Mann: «Ja, für unsereiner. Aber für Ihre Köchin bedeutet das kleine Buch viel Erbauung.»

Damals, wohl kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als Carl Gustav Jung seinen Traum aufschrieb, galt die «Nachfolge» als das nach der Bibel weltweit meistgelesene christliche Buch, schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ). Im 15. Jahrhundert in einem niederländischen Kloster in lateinischer Sprache geschrieben, wurde es zu einem spirituellen Bestseller. Von Hand abgeschrieben, übersetzt und als zumeist kleinformatiges Buch gedruckt, erreichte es alle, die lesen konnten.

Fünf goldene Lebensregeln

Was steht in diesem Buch? Und wer ist der Verfasser? Der aus der kleinen Stadt Kempen im Rheinland stammende Autor Thomas Hemerken ist als Thomas von Kempen in die Geschichte eingegangen. Vor 550 Jahren am 25. Juli 1471 verstarb er mit 92 Jahren als Augustiner-Chorherr im Kloster Sint Agnietenberg nahe der niederländischen Hansestadt Zwolle. Sein Hauptwerk «Von der Nachfolge Christi» dient als Anleitung zum spirituellen Leben. Die NZZ schreibt: Es gibt keine Handlung in dem Buch, Namen fallen selten – der heilige Franziskus und der heilige Laurentius bilden die Ausnahme. In oft wirrer Folge werden Ratschläge aneinandergereiht und durch kurze poetische Stücke oder Sprichwörter unterbrochen. Oft lässt der Autor Jesus selbst zu Wort kommen und den angeredeten «Sohn» zaghaft antworten.

Im Zentrum der von Thomas empfohlenen Spiritualität steht ein Programm zur Selbstsorge  mit fünf Lebensregeln. Erstens: Erstrebe weder Reichtum noch Ansehen! Zweitens: Bekämpfe in dir alle sündigen und selbstischen Triebe! Drittens: Nimm alle Unpässlichkeiten im Leben ohne Murren auf dich! Viertens: Pflege Freundschaft mit Jesus! Und fünftens: Lies oft in spirituellen Büchern!

Der Autor betont eindrücklich: «Der innerliche Mensch stellt die Sorge um sich selbst allen anderen Sorgen voran.» Das Sorgen um sich selbst bildet die Grundlage von allem, wie ein Beispiel veranschaulicht: «Zuerst bewahre dich selbst im Frieden, dann kannst du auch andere zum Frieden bringen.» Es geht um Bescheidenheit und Demut, Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz – alles Themen, um die es in fast jeder heutigen Anleitung zur seelischen Selbsthilfe geht.

Spuren im eigenen Leben

Die Regel vier – Pflege Freundschaft mit Jesus – ist dem Autor besonders wichtig. Jeder Einzelne kann in Jesus einen unsichtbaren, stets anwesenden persönlichen Freund haben. Dem Autor liegt wenig am Glauben an komplizierte kirchliche Lehren. Theologische Lehren werden zwar nicht infrage gestellt, treten aber gegenüber der Freundschaft mit Jesus zurück. Thomas fordert zur Pflege einer persönlichen Frömmigkeit auf.

In den Zeugnissen von Lesern der «Nachfolge» ist es die Botschaft von der Nähe von Jesus zu jedem einzelnen Menschen, die Trost in dunklen Schicksalstagen vermittelt. Wer unverdient leidet, das ist eine von Thomas’ Grundbotschaften, nimmt das Leidensschicksal von Jesus auf sich und erhält genau dadurch von Jesus Trost. «Trägst du willig das Kreuz», sagt Thomas a Kempis, «so wird es dich selber tragen.»

Das Buch zieht Kreise

Edith Cavell, eine in Brüssel tätige englische Krankenschwester und Fluchthelferin, greift zu dem Buch, bevor sie von deutschem Militär im Jahr 1915 hingerichtet wird. Auch Dietrich Bonhoeffer liest es 1945 in seiner Spandauer Gefängniszelle vor seiner Hinrichtung. Bonhoeffers kleine Schrift «Gemeinsames Leben» (1939) schlägt eine Lebensordnung für eine klosterähnliche evangelische Gemeinschaft vor, die das geistliche Leben erneuern soll. Mehrfach zitiert er dabei aus der «Nachfolge Christi».

Sogar Agatha Christie zitiert in Miss-Marple-Krimi «A Caribbean Mystery» («Karibische Affäre») das Buch: Nach einem langen Tag will Jane Marple die von ihr gesammelten Fakten und Namen sich noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Von Müdigkeit überwältigt, gibt sie auf. Dann heisst es: «Miss Marple zieht sich aus, steigt ins Bett, liest ein paar Verse aus Thomas a Kempis, der stets auf ihrem Nachttisch liegt. Dann löscht sie das Licht. In der Dunkelheit schickt sie ein Gebet empor: Man schafft nicht alles allein. Man braucht Hilfe.» 

Respekt bis heute

Dieses Buch ist für alle geeignet – für Junge und Alte, für Gelehrte und Ungelehrte. Bis ins 20. Jahrhundert zählte die «Nachfolge» zu den meistgelesenen Werken christlicher Spiritualität. Tausende von Leserinnen und Lesern haben sich der Frömmigkeit und Weisheit des Thomas von Kempen anvertraut. Selbst wenn man heute einige Seiten der «Nachfolge Christi» als problematisch und überholt erachten mag: Man wird dem kleinen Buch seinen Respekt nicht versagen, folgert die NZZ. 

6. September 2021 | 22:17
von Markus Baumgartner
Teilen Sie diesen Artikel!