Walter Ludin

Moderne Wissenschaft/Bibel-Exegese und «Onanie»

In der Sexualmoral müsse es Änderungen geben, meinte Bischof Markus Büchel. Und weiter im Bericht der KIPA: «Die Moraltheologie, die in Kontakt zu den modernen Wissenschaften stehe, sei weiter in diesem Diskus als die ausformulierte Lehre der Kirche.» Recht hat er, der Bischof von St. Gallen. Man könnte auch ergänzen: «in Kontakt zur wissenschaftlichen Bibel-Exegese».
Nehmen wir als Beispiel die (männliche!) Selbstbefriedigung. Sie wird auch «Onanie» genannt. Aber der Begriff ist höchst irreführend. Was Onan tat – «den Samen zur Erde fallen lassen» – war keineswegs Selbstbefriedigung, sondern schlicht und einfach Coitus interruptus (Genesis 38). Aber nicht diese Methode der Empfängnisverhütung wurde ihm als Sünde angerechnet. Sondern seine Weigerung, im Rahmen der «Schwagerehe» seinem verstorbenen Bruder Nachkommen zu erzeugen.
Und dann die «moderne Wissenschaft»: Die vormoderne meinte, im Sperma seien «homunculi» enthalten, kleine Menschen, die auf dem «Nährboden» des weiblichen Schosses zu ausgewachsenen Menschen heranreiften. (Von einem weiblichen Ei wusste man nix.) «Den Samen zu verschwenden» bedeutete dann folgerichtig: kleine Menschen zu töten. Was logisch eine Todsünde wäre.
Und heute: Weder der Rückgriff auf Onan noch die Vorstellung von homunculi taugen etwas, um Selbstbefriedigung zu verurteilen. Und dennoch trifft man im Beichtstuhl immer noch Menschen an, die ob ihres «Lasters» schwere Sündenqualen erleiden.

19. Februar 2014 | 01:23
von Walter Ludin
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