Mein Kreta (II)
Essen und TrinkenDas Leben besteht nicht nur aus Essen und Trinken, auch in den Ferien nicht. Doch beides spielt auf einer Insel wie Kreta eine wichtige Rolle. Tomaten schmecken hier noch nach Tomaten, Fleisch nach Fleisch. Gemüse und Früchte sind auf den Märkten zu haben, an Orten der Völkerbegegnung. Die schwedische Touristin im Bikini steht hier neben der kretischen Witwe in ihren langen schwarzen Röcken.Und was wären Ferien ohne die Tavernen und die dort arbeitenden Menschen, von denen man schon beim zweiten Besuch wie alte Freunde behandelt wird? Da ist der Besitzer des Strandrestaurants «Blue boat» in Georgiupouli. Wir gehen jedes Jahr bloss einmal dorthin. Doch wenn wir wiederkommen, sieht er uns schon von Weitem und winkt uns begeistert zu. Oder in der Altstadt von Rethymnon die Kyria Maria, über deren Taverne bis vor Kurzem etwa zwei Dutzend bevölkerte Vogelkäfige schwebten: Als ich am letzten Ferientag beim Mittagessen das Portemonnaie vergessen hatte und es holen wollte, meinte der Kellner: «Du bezahlst morgen.» «Dann bin ich bereits im Flugzeug.» «Du bezahlst nächstes Jahr.»Noch eine weitere Seite aus der Chronik über die Gastfreundschaft: Als ich im Süden, in einer abgelegenen Bucht, in einem winzigen Restaurant Cuba libre als Apéro bestellte, wusste niemand, was das sein sollte. Ich erklärte es und bekam den gewünschten Drink. Als ich bezahlen wollte, hiess es: «Wir kennen den Preis nicht. Also gratis.»ParadiesIm Süden der Insel befindet sich auch eines der schönsten Paradiese, das ich kenne: Loutro. Das ehemalige Fischerdorf ist nur mit dem Schiff oder nach einer stundenlangen Wanderung durch die Berge zu erreichen. Man wollte den Ort schon aufgeben. Dann kamen die Hippies, nachher die Touristen. Was kann es Schöneres geben, als spät abends nach einer kurzen Wanderung auf der Hochebene zu sitzen oder zu liegen und die Milchstrasse zu bewundern, hinter sich die Ruinen der venezianischen Festung? Offenbar wusste schon Paulus beziehungsweise sein Schiffskapitän von den landschaftlichen Reizen der Gegend. Denn es war damals geplant, auf der Fahrt nach Rom in Loutros Hafen Phoinix zu überwintern.Ein Vergnügen für den Sommer, aber nicht für den Winter bietet die kleine Insel Elafonissi im Südwesten Kretas. Das einzigartige Eiland ist bequem zu Fuss zu erreichen. Der Sandstrand ist zum Teil rot gefärbt; wegen den zermalmten Muscheln, sagen die Fachleute; wegen dem Blut der von den türkischen Besatzern umgebrachten Menschen, meinen die Kreter.Natur – Kazantzakis – GeschichteDie Wochen auf Kreta sind geprägt durch Begegnungen mit der Natur; den kargen Hügeln und Bergen, einem ökologischen Mahnmal, weil sie an den Raubbau der Römer erinnern, welche die Bäume gefällt haben, um das Holz für den Bau ihrer immensen Flotte zu verwenden. Als Kontrast dazu die schätzungsweise 25 Millionen Olivenbäume, welches nach Meinung der Einheimischen das beste Olivenöl der Welt ergeben.Kretische Begegnung sind auch Begegnungen mit einem der berühmtesten Kreter, dem Schriftsteller Nikos Kazantzakis, dem Verfasser des mit Anthony Quinn verfilmten Romans «Alexis Zorbas». Man begegnet seinem Namen schon auf dem ihm gewidmeten Flughafen von Iraklion, der als ältester Flughafen der Welt gilt, weil ganz in der Nähe Dädalus und Ikaros zu minoischen Zeiten zum ersten Flug der Menschheit gestartet sind!Eine späte Begegnung ist auch mit dem Seebeben vom Jahre 365 möglich, das die Insel im Westen um neun Meter anhob und im Osten entsprechend absenkte. An einem Tag war ich im westlichen Farlassana, wo heute Reste des antiken Hafens hoch in den Felsen zu sehen sind. Zwei Tage später sah ich im Osten nahe von Agios Nikolaos antike Mosaik-Böden, die unter Wasser liegen.Solche Entdeckungen, überraschende Begegnungen mit freundlichen Menschen, stundenlange Fahrten durch eine weitgehend unberührte Natur: Das ist für mich Kreta.
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