Christian Kelter

Mehr Dialog wagen! Was die Kirche aus der KVI Debatte lernen kann.

Welchen Platz sollen die Kirchen im System der freiheitlich, demokratischen Gesellschaft einnehmen? Die Frage beschäftigt mich nicht erst seit der Debatte um die KVI.

1999 sass ich als Vertreter eines katholischen Lobbyverbandes in Anhörungsverfahren der Deutschen Bundesregierung. Eines der Wahlversprechen der neuen Regierung Schröder war die Abschaffung der Kirchensteuer. Offensichtlich hatten wir gute Argumente. Denn bald einmal wurden die Pläne fallen gelassen. Die Kosten, die auf den Staat beim Fall der Kirchensteuer zugekommen wären, wären für die Bundesrepublik kaum zu finanzieren gewesen. Dabei ging es längst nicht nur um Geld. Es ging auch um praktizierte Nächstenliebe, es ging um Gemeinwohlarbeit, um Bildung, um Sinnstiftung und damit ums Mit-Bauen an den Grundpfeilern der Demokratie. 

Denn was es heisst, die Kirche ins sakrale Hinterzimmer zu verbannen, ihr Rechte und Möglichkeiten zu nehmen, gesellschaftlich auszustrahlen, das war 1999 vielen aus 40 Jahren DDR noch in lebhaftester Erinnerung. Christinnen und Christen mundtot zu machen, das ist ein Kennzeichen von Diktaturen. Das wollte die rot-grüne Bundesregierung dann doch nicht riskieren.

Auf unterschiedliche Art bewahrheitet sich immer wieder der berühmte Satz von Ernst-Wolfgang Böckenförde, dass «der freiheitliche, säkularisierte Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann.» Gemeint sind nicht nur die grossen Säulen der Menschlichkeit: Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Ich denke dabei auch an Respekt vor allem Leben, an Mitgefühl, Güte, Wahrhaftigkeit, Besonnenheit, Masshalten, Gerechtigkeit und die Fähigkeit zu kritischem Denken.

Nun taugen wir Kirchen als Hüterinnen und Vorbilder diesbezüglich nur bedingt. Zu vieles lag und liegt in unseren eigenen Reihen im Argen. Das schränkt uns ein. Es sollte uns aber nicht lähmen. Immerhin darf es uns vor Rechthaberei bewahren. Es dürfte gerne einen Reflex der Demut bei uns auslösen. Demut, die ihrerseits einladen würde, zu einem breiten Akt der Selbstreflexion.

Vielleicht sollten wir sogar gesamtgesellschaftlich vermehrt wieder über unsere Werte nachdenken. Denn die sind nicht vom Himmel gefallen. (Allenfalls wurden sie durch Jesus Christus inkarniert. Doch das ist nur die christliche Sicht.) In jeder Hinsicht und aus jeder Sicht müssen sie vielmehr immer wieder in den konkreten Kontext des Hier und Jetzt gestellt werden und also neu begründet werden.

Das ist dann das Gegenteil von Moralisieren! Moralisieren ist das Pochen auf unumstösslichen Werten, sprich Wahrheiten. Moralisieren ist andere abwerten, um sich selbst mächtig zu machen. Moralisieren ist Denken in Sieg und Niederlage. Moralisieren ist das Gegenteil von aufgeklärtem Denken. Aufgeklärtes Denken (auch im christlichen Sinn!), das ist die stets von Neuem ansetzende ethische Reflexion von Werten und den daraus resultierendem Folgen für das eigene Handeln.

Wenn wir Kirchen in den jüngsten politischen Diskussionen im oben genannten Sinne als moralisierend verstanden wurden, haben wir tatsächlich etwas falsch gemacht. Wir sollten und könnten daraus lernen.

Ein best practice Beispiel wie es besser geht, haben wir seit einem Jahrzehnt als Kirche im Kanton Zug. Das «Forum Kirche und Wirtschaft» bringt dort verschiedenste Menschen und unterschiedlichste Meinungen zusammen – auf ein Podium und an einen Tisch. Hier entsteht Austausch und geschieht Verständigung. Hier hört man sich zu und lässt man sich aufeinander ein. Und – ich kann es zwar nicht messen – bin aber fast sicher: Man lernt voneinander. Man wird ermutigt, anders zu denken, einfach mal kurz die Perspektive zu wechseln und zu schauen, was das eröffnet. So entstehen Kontakte und gegenseitiges Verständnis. So werden Lösungen gesucht und Kompromisse gefunden.

Man wagt mehr Dialog. Und man gewinnt mehr Demokratie. Daran mitzubauen ist ein Charisma und ein Auftrag von mündigen Christen. Gott-sei-Dank können wir das!

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Dorfplatz Hünenberg
18. Januar 2021 | 18:23
von Christian Kelter
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