Meckern ist einfach. Aber loben ....
Wann schreiben wir Lobzettel?
Meckern, motzen, kritisieren: So etwas fällt uns leicht. Doch loben, anerkennen, rühmen und danken: Ist dies tatsächlich so schwierig? Warum versuchen wir es so selten?
Der Witz ist wohl bekannt: Familie Schweizer macht sich Sorgen um ihren Sohn. Er ist 20 und hat noch nie ein Wort geredet. Eines Mittags ruft er beim Essen:
– «Die Suppe ist versalzen.»
– «Was, du kannst sprechen! Warum hat du noch nie etwas gesagt.»
– «Bis jetzt hat immer alles gestimmt.»
Sicher, eine zu krasse Geschichte. Dennoch: Wir erkennen in ihr manche Mitmenschen, die sich nur dann melden, wenn es etwas zu bemängeln gibt. So wie ein Leser der von mir redigierten Zeitschrift ite: Jedes Mal, wenn das Heft erschienen war, hielt er mir Druckfehler unter die Nase. Bis ich ihm sagte: «Ich habe die Fehler extra gemacht, damit du etwas zu meckern hast …»
An das alles dachte ich, als ich eine Geschichte von Christa Spilling-Nöker las, die mir jemand als Anregung für einen Artikel zugesteckt hatte. Ganz kurz zusammengefasst: Ein junger Engel entdeckt vom Himmel herab, wie Menschen einander Strafzettel unter die Autoscheiben stecken. Er findet dies entmutigend. Man würde einander gescheiter Lobzettel schreiben.
Die Engel beschliessen, die Strafzettel von den Autoscheiben wegzunehmen und an ihre Stelle positive Botschaften zu hinterlassen. Zum Beispiel: «Du bist heute sehr vorsichtig gefahren. Weiter so!»
Einander mehr loben: Nicht nur die Engel sind sich darin einig. Einige Tage, nachdem ich die himmlische Geschichte gelesen hatte, fand ich in einer Sonntagszeitung unter dem Titel «Vielen Dank, wie lieb von dir» eine ganze Druckseite mit Anregungen, einander öfter Komplimenten zu machen.
Und nochmals kurze Zeit später las ich in einer kirchlichen Zeitschrift den Titel «Weniger nörgeln». Vorgestellt wird dort die evangelische Fastenaktion «Du bist schön. Sieben Wochen ohne Runtermachen»: «Statt die Menschen um mich herum zu kritisieren, kann ich sie auch loben und ihre guten Gaben hervorheben.»
Vorgeschlagen wird eine Änderung der Routine: «Indem ich morgens aufstehe und im Spiegel nicht jede einzelne Falte zähle, sondern mir sage: ‹Ich lebe! Danke, Gott! Das ist wunderbar!› Und dass ich meinem Arbeitskollegen sage: ›Das ist eine schöne Geschichte, die du da erzählt hast.›»
Walter Ludin. In: Franziskuskalender 2016 (Erscheinungsdatum: 1. Juni 2015
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