Konzilsblogteam

Markus Ries

Markus Ries
Kirchenhistoriker an der Theologischen Fakultät Luzern
 
Mein Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil
Mit dem Zweiten Vatikanum hat die katholische Kirche einen Prozess eingeleitet, den einst die Nachgeborenen als entscheidende epochale Veränderung verstehen werden. In meiner Generation war es gerade noch möglich, die tridentinische Liturgie in der Gestalt des späten 19. Jahrhunderts zu erleben und zu erlernen; in rascher Folge kamen Veränderungen, die uns das Heutig-Werden der Kirche hautnah erfahren liessen. Sie machten verständlich, wie eng tatsächlich Gebetsweise und Glaubensweise miteinander verbunden sind. Wer den Weg mitgehen durfte, konnte noch etwas erfahren von der Morgenstimmung, in der die Kirche eine Generation zuvor in den Seelen der Gläubigen erwacht war.
Die Beschäftigung mit der Kirchengeschichte hat mir die Bedeutung des Konzils vor Augen geführt. Die Verantwortlichen haben die Beziehungen der Kirche zur übrigen Welt und damit auch zu den verschiedenen Konfessionen, Religionen und Bekenntnissen von Grund auf überdacht. Viele Fenster sind aufgegangen und neu gewonnene Perspektiven habe es möglich gemacht, die Abwendung von der Welt zu überwinden. Zivilisatorische Errungenschaften aus den Tagen der Aufklärung sind heimisch geworden im Haus jener, die Christus nachfolgen, die seine Gegenwart feiern und die eine Hoffnung teilen.
Es gab Zeiten, da war die Kirche der säkularen Welt voraus und leistete ihr Schrittmacherdienste. Praktizierte christliche Religion setzte einst kulturelle Energien frei in Bereichen wie Diakonie, Krankenpflege, Ökonomie, Bildung, Kunst und Wissenschaft, aber auch Verwaltung, Recht und Ordnung. Vor gut 150 Jahren ging diese Situation verloren und schlug in manchen Bereichen in ihr Gegenteil um. Die segensreichen Veränderungen, welche das Konzil angestossen hat, vermögen die katholische Kirche aus dem Windschatten der Welt zu befreien und lassen sie auf neue Weise ihre prophetische Berufung wahrnehmen. Die zugehörigen Prozesse finden in den Köpfen und in den Herzen der Gläubigen statt, und sie sind immer noch im Gang. Bereits sind die nächsten Wegmarken zu erkennen: «kulturelle Pluralität», «geschwisterliche Gemeinschaft von Männern und Frauen», «umfassende Solidarität», «Option für die Armen», «Annahme des Anderen», «Gerechtigkeit und evangeliumsgemässe Teilhabe» und so weiter. Es geht darum, Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit wirklich ernst zu nehmen, treu und dankbar gegenüber dem Zweiten Vatikanum – und bald schon engagiert für die Vorbereitung des nächsten ökumenischen Konzils!
 

2. Dezember 2012 | 13:36
von Konzilsblogteam
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