«Mangelhaft verwirklicht»? Rezeption des Konzils im deutschsprachigen Bereich
Am 16. April dieses Jahres sprach Papst Franziskus in einer Predigt davon, das II. Vatikanische Konzil sei nur «mangelhaft verwirklicht». Das lässt fragen: Wie steht es damit in der deutschsprachigen Kirche? War sie nicht immer ganz vorne dran bei der Umsetzung des Konzils?
Natürlich gibt es offenkundige Bereiche einer authentischen Rezeption des Konzils. Hierfür stehen etwa das Bekenntnis zu den Menschenrechten als genuine Konsequenzen des Evangeliums selbst und der Aufbau eines völlig neuen Verhältnisses zum Judentum, aber auch die Liturgiereform, die ökumenische Öffnung und der Auszug der wissenschaftlichen Theologie aus der neuscholastischen Denkform.
Alle diese Prozesse führen im deutschsprachigen Bereich traditionell starke Optionen weiter: die Liturgiereform den erfahrungsorientierten Gemeinschaftsgedanken, die Ökumene die ökumenische Bewegung: eine schiere Notwendigkeit in der sehr kleinteiligen konfessionellen Topographie der deutschsprachigen Länder.
Die Befreiung der Theologie aus dem Gehäuse der Neuscholastik aber wurde als Rehabilitation der historischen Methodik, des Imports humanwissenschaftlicher Methoden und nach-aufklärerischer philosophischer Ansätze in die Theologie verstanden. Diese Methoden-Updates waren Voraussetzungen für das Verbleiben theologischer Fakultäten an staatlichen Universitäten und für die Konkurrenzfähigkeit der katholischen Theologie mit jener des Protestantismus.
Das katholische Bekenntnis zu Religionsfreiheit, Demokratie und zu einem neuen Verhältnis zum Judentum auf dem II. Vatikanum war zudem der realpolitische Sieg der Christdemokratie über die römische Christkönigsideologie.
(Rainer Bucher)
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