Vera Rüttimann

Magie Zirkus Knie

Immer im Juli verbringe ich seit 1995 einige Tage auf dem Gelände des Nationalzirkus Knie. Dann hat er sein rot-weisses Zelt nämlich zu Füssen des Pilatus  aufgeschlagen. Immer wieder ein erhabenes Bild. Immer im Juli findet auch der Gottesdienst im Zirkus Knie statt (siehe Video auf YouTube). Als ich für kath.ch darüber ein Video drehen konnte, freute ich mich sehr. Der Zirkus Knie spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Das hat viel mit meiner Arbeit mit dem ehemaligen Zirkuspfarrer Ernst Heller zu tun, mit dem ich fast 20 Jahre zusammen gearbeitet habe. Per Foto und Text begleitete ich ihn zu Zirkus-Premieren, kranken Artisten,  zu Schaustellern an Kirmes und immer wieder zum Zirkus Knie. Oft waren wir auch im Europa-Park in Rust (D). Aus dieser Zusammenarbeit entstand 2011 das Buch «Ernst Heller-Der Clown Gottes».

In dieser Arbeit wurden all meine Interessen gebündelt: Kirche, Spiritualität, Kunst, Kultur und Reise. Ein Glücksfall.

Der Gottesdienst in der Manege ist für mich stets ein Höhepunkt im Sommer. Ein bunter Mix aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Zirkuswelt trifft sich da. Nach dem Zirkus-Gottesdienst folgen dann meist  mehrere Tage auf dem Gelände des Zirkus Knie auf der Allmend.

1995 verbrachte ich gar meine Ferien hier und half mit, Ställe auszumisten, Kamele zu füttern und Zaumzeug zu reinigen. Als Belohnung erhielt ich, und nicht nur dann, einen Blick hinter die Kulissen des Nationalzirkusses.  Vor allem die Momente, wenn sich Tiere und Artisten hinter dem grossen Vorgang versammelten,  bevor sie die Manege betraten, waren beeindruckend: Es ist Zirkus in seiner reinsten Form. Hier verdichtet sich alles. Alles ging Schlag auf Schlag: Der Übergang der Nummern, der Austausch der Requisiten und das Rechen des Sägemehls.

Am schönsten war es, wenn die Julisonne auf den grossen Platz brannte und sich die Elefanten und Kamele im Staub wälzten und sich dann von den Tierpflegern abspritzen liessen. Unvergessen, als «Patma» einmal ihren Rüssel in den Eimer steckte und mir eine Ladung Wasser «schenkte». Unvergessen auch, wie die elegante Giraffe Kimali ihre Runden hier drehte. Die langbeinige Dame beugte immer wieder ihren Hals zu mir hinunter und angelte sich mit ihrer langen Zunge genüsslich ein paar Kekse. Zauberhafter Momente. Heute gibt es im Zirkus Knie keine Elefanten und auch keine Giraffen mehr.

Im Artistendorf machte ich früh eine interessante Entdeckung: Die Knies und ihre Artisten, die sich für das Publikum meist so kapriziös in der Manege präsentieren, sind ganz  »normale» Menschen. Viele Zirkusleute zeichnet zudem eine eigentümlich tiefe Religiosität aus und es ergeben sich tiefe Gespräche über Religion, Glaubens- und Sinnfragen. Wunderbar, die Gespräche zwischen den Wohnwagen, wenn abends die Glühlampen angingen.

Ich erlebte auch den tiefgreifenden Wandel in dieser Branche mit. Hinter dem Medienliebling Zirkus Knie weht dem Rest ein harscher Wind ins Gesicht. Eine veränderte Partykultur, Internet und Openair- Veranstaltungen – und nicht zuletzt die Zahl der Konkurrenten – bedrohen ihre Existenz.

Zirkus aber hat noch immer seine Fans. Alles passiert in Echtzeit. Es ist ein Fest für alle Sinne. Und manchmal hält im Zirkuszelt die Welt für einen Moment den Atem an – und rast dann weiter.

(die quadratischen Fotos sind mit meiner analogen Lomo-Kamera HOLGA auf Rollfilm gemacht)

Bildquellen

  • Zirkus Knie: Vera Rüttimann
Zirkus Knie © Vera Rüttimann
15. Juli 2018 | 01:18
von Vera Rüttimann
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