Walter Ludin

Lösen Armeen Probleme?

Darf Krieg sein?Unter Katholiken ist das Motto eher unbekannt, da es aus einer andern Küche stammt: «Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.» Der programmatische Satz ist mehr als 60 Jahre alt. Die erste Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen hat ihn 1948 geprägt. Seine Verfasser wussten, wovon sie sprachen. Sie hatten einen äusserst mörderischen Krieg selber erlebt.Ich aber – wie die meisten hierzulande – kennen Kriege nur von Filmen oder aus der Lektüre. So habe ich kürzlich beim Lesen von Julia Francks Bestseller «Die Mittagsfrau» schon auf den ersten Seiten einiges über die Folgen der beiden Weltkriege erfahren. Ganz zu Beginn begegnet man einer fast völlig ausgebombten Stadt im Osten Deutschlands. Es ist im Frühjahr 1945. In den Spitälern liegen unzählige kaum medizinisch versorgte Verletzte.Das nächste Kapitel blendet zurück in die Tage nach dem Ersten Weltkrieg. Auch hier grausam verstümmelte Opfer. Hunger, Elend und Arbeitslosigkeit nehmen von Monat zu Monat zu.Nein, solche Not darf «nach Gottes Willen nicht sein». Man war sich darüber einig. Und vergass. Auch in Deutschland. Von dort aus schickte man Soldaten nach Afghanistan, angeblich in Friedensmission. Erst nach und nach mussten die verantwortlichen Politiker zugestehen, dass sie in «kriegsähnlichen Zuständen» und später «im Krieg» sind.Ein Aufschrei ging durch das Land, als Margot Kässmann in ihrer Neujahrspredigt den Mut hatte festzustellen: «Nichts ist gut in Afghanistan». Erst kurz vor Ostern äusserte sich ein alter Mann in ähnlichem Sinne. Er hatte einst als Bundeskanzler für die Friedensbewegung nur Spott übrig und hätte ihre Anhänger am liebsten zum Psychiater geschickt: Helmut Schmidt erinnerte daran, dass in Afghanistan seit Jahrtausenden jede fremde Macht besiegt wurde. Im Klartext: Krieg löst dort keine Probleme.Und anderswo? Die Versuchung ist gross, in jedem Fall zu meinen, es gäbe einen gerechten Grund, Krieg zu führen. Und gerade dieser Krieg wäre der Weg zum Erfolg. Aber in jedem Fall gibt es auch unter allfälligen Siegern massenhaft Elend.Als ich das Buch von Julia Franck gelesen hatte, fiel mir der Spruch ein: «Eine Armee haben, heisst daran glauben, dass Gewalt Probleme lösen kann.»

8. April 2010 | 01:39
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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