Heinz Angehrn

Linsenbühl VI

VISilvester, das war in alten Zeiten noch ein herrlicher Abend. Denn es gibt sie, die Zeit vor dem grossen Lärm, vor dem Gekrache und Böllern, vor dem Herumgrölen und Flaschen-Leeren. Diese Zeit war anders, war mystisch, war eine Rückerinnerung an die keltisch-vorchristlichen Zeiten, in denen die Menschen tief in der Nacht in den Himmel blickten und sich auf die Wiederkehr des Lebens freuten. Silvester bedeutete den Anstieg auf direktestem Weg über die vielen Weihern-Stufen, nachts etwa um halb Zwölf weg aus der warmen Stube hinauf in die Dunkelheit. Und dann das Einsetzen der Glocken um Viertel vor Zwölf, aller Glocken all der vielen Kirchen der Stadt. Still und friedlich standen die wenigen Menschengruppen, höchstens eine Fackel in der Hand, höchstens eine kleine Laterne mit Licht. Und dann das Schweigen der Glocken, der spannende Moment, welche Kirchenglocke zuerst Mitternacht schlug. Immer war es St.Georgen, die andern folgten. Wünsche zum Neuen Jahr, dann setzten alle Glocken wieder ein. Die Ufer des Bodensees leuchteten in der Ferne, ganz harmlos hatte es begonnen, das Jahr.

23. Februar 2009 | 11:16
von Heinz Angehrn
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