Lieblingsessen
Meine Kollegen fragen mich oft welches mein Lieblingsessen ist. Die Antwort ist, dass ich kein bevorzugtes Essen habe. Stimmt das oder nicht? Für mich stimmt das schon aber für meine Kollegen und Bekannten stimmt etwas nicht, wenn ich so antworte.
Als ich aufgewachsen bin und auch im Kloster in Indien lebte hatten wir keine Auswahl an Essen. Meine Mama hat immer diese Familienregel wiederholt: Esst alles was vor euch auf dem Teller steht. Mein Papa war sehr streng in Bezug auf Essen und wir mussten alles essen, was vor uns auf dem Tisch stand, weil Essen wegzuwerfen, Essen nicht zu schätzen, Sünde sei. Meine Eltern haben als Kinder die Zeit kurz vor und nach der Unabhängigkeit Indiens erlebt und sie mussten selber Hunger erleben. Alles was mir gegeben war, war für mich mein Lieblingsessen.
Als ich mit anderen Mitbrüdern in Flüchtlingslagern für Tamile in Indien gearbeitet habe, habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen, wie ohne genügend Wasser Essen gekocht und die Teller danach ohne Wasser sauber gewischt wurden. Die selben Teller wurden später wieder benutzt. Die Kinder dort fragten nie nach einem speziellen Essen.
Bei meinem Besuch in der Esswarenfabrik in der Schweiz hatten wir alle die Gelegenheit drei Stücke Brote zu probieren und unsere Meinung mitzuteilen. Mit viel Mühe habe ich versucht, die Brote fertig zu essen. Mit viel Wasser konnte ich schliesslich alle essen, aber als ich den Abfallkorb geöffnet habe, um meinen Becher hineinzuwerfen, bekam ich einen Schock: Nur ein Teil aller Brote war von den Besuchern gegessen worden, der Rest war im Müll gelandet. Nach meiner Familienregel esse ich immer noch alles was vor mir auf dem Tisch steht. Ab und zu bin ich wohl immer noch indisch in der Schweiz, obwohl ich mich sehr stark zu integrieren versuche.
An der Uni in der Schweiz wird nie Essen gestohlen, obwohl wir Sandwiches, Äpfel und anderes auf den Tischen liegen lassen und erst später zurückkommen. Hier weiss man schon, dass man diese Dinge nicht stehlen darf und dass stehlen falsch ist. In Indien wurde manchmal mein Essen gestohlen. Ist es falsch wenn jemand Essen stiehlt, wenn er hungrig ist?
«Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen was David tat, da es ihm Not war und ihn hungerte samt denen, die bei ihm waren? Wie er in das Haus Gottes ging zur Zeit Abjathars, des Hohenpriesters, und ass die Schaubrote, die niemand essen durfte, ausser die Priester, und er gab sie auch denen, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht, und nicht der Mensch um des Sabbat willen». (Markus 2:25-27)
«Es ist einem Diebe nicht so grosse Schmach, ob er stiehlt, seine Seele zu sättigen, weil ihn hungert» (Sprüche 6:30-32)
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.


