Leib Christi werden
Das Fronleichnamsfest gibt Anlass, mit Niklaus von Flüe über die Eucharistie nachzudenken. Sein Wunderfasten ist ja zugleich ein Eucharistie-Wunder. Er selber gab auf neugierige Fragen nie Auskunft. Aber seinem Beichtvater vertraute er an: «Wenn er der Messe beiwohne und der Priester das Sakrament geniesse, empfange er davon eine solche Kraft, dass er ohne essen und trinken sein könne, sonst könnte er es nicht ertragen.»
Seit er 1477 einen eigenen Kaplan im Ranft hatte, wohnte er täglich der Messe bei. Das Medaillon seines Betrachtungsbildes (vgl. Blog vom 29.5.) bietet uns hierfür anschauliche Anhaltspunkte. Es kommt nahe an die Situation heran, die Bruder Klaus vom Fenster seiner Zelle aus erlebte. Es ruft uns in Erinnerung, wie defizient die Form der (vor-)tridentinische Messe war. Alles in ihr war dem Priester zu «lesen» delegiert; die wenigen Dialoge wurden mit dem Ministranten geführt, der die lateinischen Formeln auswendig gelernt hatte.
Die dennoch sehr «orthodoxe» Eucharistielehre des Heiligen kommt im Bild dadurch zum Ausdruck, dass die entsprechende Speiche tief in die Bildszene hineinragt. Breit von Gott in der Mitte ausgehend reicht, ihre Spitze bis zur kleinen Hostie in der Hand des Priesters. «So ist die Grossmächtigkeit Gottes des Allmächtigen in dieser kleinen Substanz der Hostie.» «Den selben zarten Leib, den Maria geboren, hat er uns zur Speise gegeben mitsamt seiner ungeteilten Gottheit» (Pilgertraktat).
Zwar könnte jemand eine Spannung darin sehen, dass Klaus die Einsamkeit mit Gott suchte, wo doch die Eucharistie das Sakrament ist, das Gemeinschaft stiftet; wohl mit Gott, aber auch mit dem ganzen Leib Christi, der Kirche. Aber gerade bei Niklaus zeigt sich, dass die Communio mit den Mitmenschen durch den Wegzug in den Ranft nicht geringer wurde, sondern auf einer tieferen Ebene wuchs. Er hatte trotz «Privatmesse» kein individualistisches Eucharistie-Verständnis, wie wir es gern den «Vorkonziliaren» vorwerfen. Auch wenn der Communio-Aspekt in der heutigen Liturgie besser zum Ausdruck kommt, war den Alten, insbesondere Klaus durchaus bewusst, dass der geteilte Leib Christi die Kirche ist: Communio war ganz konkret das Gemeinwesen. Alle waren Christen, ja alle waren katholisch.
Fr. Peter Spichtig op
Zitate: Gröbli 1991, 216 und 265; Weiterführende Literatur: Stirnimann 1981.
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