Lebendige Zeugen
Zu den beachtenswerten Interventionen des Strassburger Bischofskoadjutors Elchinger gehört diejenige, die er im Rahmen der Debatte zum Schema über die nichtchristlichen Religionen den Juden gewidmet hat.
Bekanntlich begleiteten grosse Schwierigkeiten die Entstehung des Textes, den einige orientalische Bischöfe aus politischen Gründen ablehnten. Andere wollten nicht, dass man die von den Juden im Mittelalter erlittenen Verfolgungen durch Christen in Erinnerung rief.
Die mutige Intervention Bischof Elchingers konnte sich auf solide freundschaftliche Bande stützen, die der Koadjutor mit der jüdischen Gemeinde im Elsass geknüpft hatte. Er setzt ein mit der Aufforderung, sich nicht nur den Juden der Vergangenheit – dem Volk der Heilsgeschichte – zu widmen, sondern auch den Juden der Gegenwart. Weiter plädiert er dafür, sie als «lebendige Zeugen» der biblischen Tradition zu betrachten, deren Bibelstudium sich durch besondere Hingabe auszeichnet. Sodann fordert er, nicht weiter zu leugnen, dass «durch Söhne der Kirche Verbrechen gegenüber den Juden verübt wurden». Er macht sich zum Sprecher der Juden, die vom Konzil ein feierliches Wort der Vergebung und der Gerechtigkeit erwarten. Schliesslich greift er die vom Historiker Jules Isaac Papst Johannes XXIII. vorgetragene Bitte auf: man möge «jegliche falsche Lehre über das Judentum aus Katechese und Predigt verbannen», darunter v.a. den berühmt-berüchtigten Ausdruck «Gottesmörder».
Bischof Elchinger spricht auch die heikle Frage der Judenkonversion an, und erklärt in diesem Zusammenhang seinen bischöflichen Mitbrüdern, dass eine solche für die Juden nicht anders denn als Glaubensabfall betrachtet werden könne.
Diese Intervention stiess in den Kreisen, in denen der jüdisch-christliche Dialog gepflegt wurde, auf lebhafte Zustimmung, weniger allerdings bei gewissen Bischöfen, wie die Reaktion eines Sitznachbarn Bischof Elchingers in der Konzilsaula zeigt: nachdem dieser die Intervention beendet hatte und an seinen Platz zurückgekehrt war, raunte ihm besagter Nachbar zu: «Wieviel haben sie Ihnen bezahlt»?
(Bernard Xibaut)
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