Walter Ludin

Koran wie Bibel enthalten Gefährliches

Noch immer wird der Koran von vielen Christen (und Juden) auf seine zur Gewalt aufrunden Stellen reduziert. Dabei vergisst man, dass auch in der Bibel entsprechende Verse zu finden sind. Auf allen Seiten gibt es Fundamentalisten, die es noch nicht verstanden haben, wie man mit Heiligen Schriften umgeht: nämlich sie mit Verstand lesen und ihren geschichtlichen Hintergrund berücksichtigen. Dazu gab es bereits Anfang Jahr, damals noch in der KIPA, einen sehr interessanten Artikel meines lieben Kollegen Georges Scherrer. Hier der erste Teil:
 
Gewalttätige Koranverse: Ist die Bibel weniger blutig und brutal?
Das Alte Testament steht dem Koran mit Texten, die Gewalt darstellen oder zu solcher aufrufen, in nichts nach, erklärt Max Küchler, emeritierter Professor für Neues Testament und Biblische Umwelt an der Universität Freiburg, gegenüber kath.ch. Die Texte enthielten Aufrufe zur Gewalt gegen die Gegner der Israeliten. Es hänge alles davon ab, wie man die «antiken Texte» im Horizont der heutigen geschichtlichen Situation interpretiert.
Berühmte Zitate wie das «Auge um Auge» würden auch heute noch falsch ausgelegt. Das Zitat besage nicht, dass eine Untat immer wieder mit einer weiteren vergolten werde, sondern vielmehr, dass die Kette der Vergeltungen unterbrochen werde, sobald Genugtuung geleistet worden sei.
(Zwischenbemerkung von WLu zur Klärung: Vorher durfte man beispielsweise nach dem Verlust eines Auges zwei ausschlagen. Die genannte Regelung reduziert dies: «nur noch eines». Als Gewalt-Minimierung, wenn auch nicht Gewaltverbot. Aber immerhin  …)
Es sei heute äusserst fragwürdig, wenn jüdische Kreise mit Stellen aus dem Alten Testament argumentierten, um die Besetzung von Gebieten in Nahost zu rechtfertigen. Eine derartige Auslegung heiliger Texte, «die immer auch gefährlich sind», entspreche der Art und Weise, wie «islamistische Fundamentalisten Textstellen des Korans oder Christen Einzelaussagen ihrer Tradition wie etwa den Blutruf über die Juden im Matthäusevangelium selektiv auswählen und für eigene Bedürfnisse verwenden», so Küchler.
Im Unterschied zum Christentum habe der Islam weder eine Zeit der Reformation noch der Aufklärung erfahren, die dazu führte, dass heute die heiligen Schriften «in ihrer Geschichtlichkeit erkannt und unter Berücksichtigung des historischen Kontexts gelesen werden». Was im damaligen geschichtlichen Kontext gesagt wurde, dürfe nicht einfach auf heute übertragen werden. Fundamentalistische Kreise jüdischer, muslimischer und christlicher Prägung machten es sich zu einfach, wenn sie sich auf eine so genannt wörtliche Anwendung einer heiligen Schrift festlegten.
Fortsetzung folgt

28. August 2015 | 01:19
von Walter Ludin
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