Walter Ludin

Kopftuch und Kutte

StoffdiskussionenDas heutige Gezänk um Kopftuch & Co. erinnert mich an die Diskussion über das Trugen der Kutte, wie wir sie in unserem Orden vor gut 40 Jahren erlebt haben. Es gibt da überraschende Parallelen.Dürfen muslimische Frauen ein Kopftuch oder einen Schleier tragen? So heisst heute hierzulande die weltbewegende Frage. (Ein Deutschland stand dabei lange Zeit eine Namensvetterin von mir im Mittelpunkt, die aus Afghanistan stammende Lehrerin Fereshta Ludin, welcher das Tragen des Kopftuches im Unterricht verboten wurde.) Und damals, in den 68er-Jahren, fragten wir uns: «Muss ein Kapuziner die Kutte tragen, um ein richtiger Ordensmann zu sein?»Beide Male, heute wie vor rund 40 Jahren, findet das Diskussionstheater in einer Zeit des Umbruchs statt. Heute spüren wir «Eingeborenen» schmerzlich, dass wir nicht mehr die einzigen sind, die als Weisse, christlich (?) Geprägte unser Land bewohnen. Und damals haben viele bestandene Ordensmänner mit ebensolchem Schmerz feststellen müssen, dass das Konzil in ihnen nicht mehr die bessern, erstklassigen Christen sahen. Und beide Male stürzt man sich in Fragen der Identität. Zur Schweizer Identität gehört es, sich so zu kleiden, wie man – oder eben frau! – sich kleidet. Beziehungsweise: Wer ein Ordensmann sein will, muss sich durch sein Ordensgewand ausweisen/»identifizieren».Und heute wie einst vergisst man ob der leidigen Stoffdiskussion, dass es grundsätzlichere, fruchtbarere Fragen gäbe. Zum Beispiel: Wie könnten wir «Einheimischen» von Werten der «Zugereisten» uns inspirieren lassen? Oder einstens: Wie können wir unsere Ordensgelübde unter den Bedingungen einer neuen Kirchen- und Weltzeit überzeugender, glaubhafter leben?Zum Glück gibt es immer Menschen, welche fähig sind, sich nicht von oberflächlichen Streitpunkten absorbieren zu lassen. Ich erlebte dies vor gut 40 Jahren. Mitten im Kuttenstreit machten wir darüber für unsere interne Zeitschrift in Zürich eine Strassenumfrage. Von den 200 Antworten, die ich erhielt, erinnere ich mich nur an eine einzige. Ich hatte, wie es die «Versuchsanordnung» vorsah, einer Frau das Bild eines Kapuziners in Kutte gezeigt: «Sollen diese Ordensmänner sich in der Öffentlichkeit in diesem Gewand zeigen?» «Ja, unbedingt!» Wir kamen miteinander über Gott und die Welt in ein anregendes Gespräch. Am Schluss fragte ich: «Hätten Sie es nun lieber gehabt, ich stünde im Kapuzinerkleid vor Ihnen?» «Nein, nein, so ist’s auch recht.» «So ist’s auch recht.» Wie lange wird es gehen, bis alle unter uns lebenden Muslimas in Kopftuch oder Schleier eine solche menschlich-akzeptierende Aussage hören?

12. September 2010 | 12:44
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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