Kopfschütteln über das (Nicht)Händeschütteln
Ich bin erstaunt, wie viel die Weigerung von zwei Schülern, Frauen die Hand zu geben, zu diskutieren gibt. Auch hier in den gestrigen Kommentaren. Dazu finde ich nun einen Denkanstoss von Robert Ruoff auf www.infosperber.ch Ich stelle ihn gerne (auszugsweise) zur Diskussion.
Bei dem Diner, an dem wir in offizieller Mission teilnehmen durften, sass meine Frau neben einem eleganten, politisch sicher bedeutenden Israeli, der beim Toast nicht mit ihr anstiess, kein Wort mit ihr wechselte und keinerlei Blickkontakt mit mir und uns aufnahm. Seine Frau und seine Tochter hielten es gleich. Sie trugen die üblichen Perücken, die bekanntlich die gleiche Funktion haben wie das Kopftuch der Muslimas. Sie bedecken das Haar der Frau. Die Söhne bedienten den Vater.
Ein befreundetes liberales jüdisches Ehepaar aus der israelischen Delegation erklärte uns nach dem Diner, dass es sich bei dem Mann um einen hochrangigen, streng orthodoxen Juden handelte, der Frauen nicht nur nicht berührt sondern mit fremden Frauen auch nicht spricht. Mitten in der multikulturellen, friedensorientierten Sportveranstaltung war unsere Toleranz gefragt.
Iranische Schönheit
Die zweite Erinnerung geht zurück auf eine internationale Konferenz. In Magglingen sass ich bei einem Vortrag neben einer jungen Iranerin, sehr elegant mit ihrem Kopftuch, und es stellte sich beim Pausengespräch heraus, dass sie gerne den damaligen Leiter des Schweizer Katastrophenhilfe-Korps kennen lernen möchte (es war nach dem schweren Erdbeben vom Dezember 2003). Selbstverständlich habe ich den Mann zu uns geholt. Und selbstverständlich hat er – ein Schweizer in der Schweiz – nicht die geringsten Anstalten gemacht, der Frau die Hand zu geben. Er hat sich leicht verbeugt. Ich tat dasselbe beim Abschied, und ich war durch ihre Freundlichkeit wunderbar entschädigt.
Moderne Muslima
Die dritte Erinnerung ist noch ganz frisch. Sie gehört zu einer als Kind hierher geflohenen, moderne, in der Schweiz prominent tätige Muslimin, bei der ich mir manchmal Rat hole. Die Frau geht mit der Schweizer Händeschüttelkultur problemlos um, und sie scheut sich auch nicht vor der welschen Sitte des Bisou, des zwei- bis dreifachen Begrüssungskusses. Sie hat mir vor nicht allzu langer Zeit gesagt: «Ich empfinde es als Ausdruck von Achtung, wenn jemand darauf verzichtet, mir die Hand zu geben.»
Ich habe mir das notiert.
Toleranz für das Unerträgliche
In seiner kleinen Schrift «Blasphemische Gedanken – Islam und die Moderne», einer scharfen Kritik an Islam und an Islamismus, äussert sich der radikale, globale Denker Slavoy Zizek auch über die Frage der Toleranz. «Die wahre Toleranz», sagt er, beginnt «gegenüber dem, was wir als ‹unmöglich zu ertragen’ erfahren.» Vorher ist es nämlich vielleicht Gleichgültigkeit oder Desinteresse.
Ich fürchte, wir haben in unserer wohlanständigen und wohl bestallten Selbstgerechtigkeit gar kein Bewusstsein mehr dafür, was Toleranz wirklich ist. Darum können wir uns darüber aufhalten, dass ein Bub aus einer konservativen muslimischen Familie auf Geheiss der Eltern seiner Lehrerin nicht die Hand geben darf (obwohl er das vielleicht gerne täte). Bei speziell orthodoxen jüdischen Kindern fällt uns das nicht auf, weil sie in eine eigene Schule gehen. Aber wahrscheinlich würden wir es auf dem Hintergrund der Vernichtungs-Geschichte des Holocaust auch nicht wagen.
Die Grenzen der Toleranz
Selbstverständlich gibt es Grenzen und notwendige Forderungen. Der hoch angesehene Westschweizer Dichter, Schriftsteller und Journalist Jean-Noël Cuénod hat zum Verhältnis von Religion und Toleranz und zu den berechtigten Ansprüchen an Muslime, die in der Schweiz leben wollen, in etwa gesagt: «Wenn ein Muslim sich in der Schweiz ansiedeln will, soll man ihm zwei Fragen stellen:
Erstens: Bist Du bereit, die freie Entscheidung Deiner Frau zu akzeptieren, nicht mehr die Burka, den Nijab, das Kopftuch zu tragen. Und vielleicht ihren eigenen Weg zu gehen. Ohne sie zu bestrafen?
Zweitens: Bist Du bereit, ohne Ausrufung eines Todesurteils die freie Entscheidung eines Muslim zu akzeptieren, aus dieser Religion auszutreten?»
Von der (vielleicht fehlenden) Bereitschaft eines Buben in Baselland oder anderswo, seiner Lehrerin die Hand zu geben, ist dabei nicht die Rede.
Toleranz ist unser Wert
«Toleranz» ist unser Wert, und das heisst: wir müssen sie zuallererst selber praktizieren. Und nicht unsere Sitten und Gebräuche zu Gesetzen machen. Schadet es uns, wenn wir in diesem Rahmen andere Kulturen, Sitten und Gebräuche ganz einfach respektieren, solange sie uns keine Nachteile einbringen? Oder ist es vielleicht sogar eine Bereicherung unseres Lebens?
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