Simon Brechbühler

Konzernverantwortungsinitiative – das richtige «Richtig»

Nun sitze ich also da und schreibe meinen ersten Blog für kath.ch. Abends. Draussen ist’s kalt, es schneit. Über den Beinen eine dicke Wolldecke, auf dem Tisch einen warmen Tee und im Hintergrund läuft leise frohlockende Weihnachtsmusik. Advent – die Zeit des Wartens. Meine Gedanken schweifen umher. Es ist ruhiger als in anderen Jahren. Kein Sport, keine grossen Veranstaltungen. Irgendwie fühlt es sich an wie die Ruhe vor dem Sturm. Meine Gedanken schweifen weiter und bleiben schliesslich bei einem politischen Thema hängen, welches ich gerne mit einigen Gedanken teilen möchte.

Am vergangenen Wochenende wurde in der Schweiz über die Konzernverantwortungsinitiative abgestimmt. Trotz einer Mehrheit scheiterte die Abstimmung am Ständemehr. Ich versuchte dies am Wochenende meinen Deutschen Kollegen in einem Zoom-Meeting am Montag zu erklären.

So ganz verständlich war dies für sie aber nicht. Nun denn, die Abstimmung ist durch und die orangenen Banner verschwinden langsam von den Balkonen, Gartenzäunen und Kirchtürmen. Mit meinem Blog will ich keine neue politische Diskussion anstossen und auch nicht meine eigene politische Meinung diskutieren. Vielmehr möchte ich folgende zwei Gedanken aufnehmen.

«Darf Kirche politisch sein?»

Gedanke 1: Wie politisch darf die Kirche sein? Wer in der Kirche darf politisch sein? Woher holen jene, die politisch sind, ihre Legitimation? Und wieso ist eine politische Position in der Kirche auch immer eine moralisierende Position? Fragen über Fragen. Als Sozialarbeiter kenne ich solche Diskussionen und Fragen auch ausserhalb der Kirche.

Als Sozi wirst du meist grundsätzlich schon mal in eine linke, aktivistische Ecke gestellt. Mich stört nicht primär, dass die Kirche Position ergreift. Mich stört auch nicht, dass man sich für die Initiative eingesetzt hat. Aber mich stört, dass ich dann ständig das Gefühl vermittelt kriege, wenn ich nicht «Ja» stimme, bin ich ein schlechter Christ. Mich stört, dass Amtsträger*innen machtvolle Positionen für persönliche politische Interessen missbrauchen. Und mich stört, dass mich die Kirche in solchen Positionen stets noch erziehen will.

Viel zu selten habe ich im Vorfeld dieser Abstimmung eine einladende und dialogfreudige Kirche angetroffen, die mit starken fachlichen Positionen zum Nachdenken anregt. Der Wahlkampf wurde plakativ und populistisch geführt. Und hier frage ich mich: «Sollte die Kirche nicht auch für Menschen da sein, die mit «Nein» gestimmt haben?

Ich weiss, dass ich nicht der einzige junge Mensch bin, der sich durch ein solches Verhalten ausgeschlossen fühlt. Die Resonanz auf unsere achso wichtigen politischen Positionen ist in weltlichen Medien oft ernüchternd. In Leser*innen-Kommentaren heisst es oft nur: «Kirche, halt die Klappe!»

«Sind Bergmenschen schuld am Nein?»

Gedanke 2: Befürworter*innen geben dem Ständemehr die Schuld, dass nicht die richtige Entscheidung angenommen wurde. In der Stadt hörte ich diese Woche oft, diese «Bauern in den Bergen» verstehen das einfach nicht. Mich stören solche Kommentare.

Haben die Befürworter*innen aus der Stadt in den Bergen vielleicht zu wenig Werbung gemacht? Oder nehmen wir manchmal Minderheiten zu wenig ernst? Grundsätzlich habe ich lange nicht mehr so viel Werbung und Aufrufe zum Abstimmen erhalten. Allerdings blieben Informationen häufig oberflächlich und plakativ. Vielleicht ging es ja auch anderen so.

Verschiedene Meinungen sind okay, aber manchmal würde es beiden Seiten gut tun sich gegenseitig besser zu zuhören. Das richtige «Richtig» ist meist sehr subjektiv. Als Gemeinschaft ein gemeinsames «Richtig» zu finden, ist nicht immer einfach und manchmal schlicht unmöglich. Manchmal lohnt es sich aber, über den Tellerrand hinauszuschauen und auch andere «Richtig» kennen zu lernen.

Mit diesen Gedanken beende ich meinen ersten Blog. kath.ch ist eine grosse schweizweite Gemeinschaft. Ich freue mich darauf, in den nächsten Wochen und Monaten auf dieser Plattform und dieser Gemeinschaft zu bloggen. Und vielleicht schaffe ich ja auch, mit meiner Position das ein oder andere katholische «Richtig» zu verrücken, zu erweitern oder zu revidieren. Und auch ich schaue gerne über den Tellerrand hinaus und höre zu. Auf dann. Bis bald.

Bild: kath.ch, zVg
3. Dezember 2020 | 10:30
von Simon Brechbühler
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