Walter Ludin

Können die IS-Terroristen sich auf den Islam berufen?

Die Terrorgruppen der IS handeln gemäss dem Islam. Dies behauptet der Opus-Dei-Professor Martin Rhonheimer in der NZZ und in der NLZ. Der Islamwissenschafter Andreas Tunger widerspricht ihm:
Rhonheimer weiss, was «das» Wesen «des» Islam ist und wer heute diesem Wesen gemäss handelt, nämlich der IS, während alle Muslime, die es anders sehen, «den Islam» nicht verstanden haben. Die Forschung hat das Bild vom kriegslüsternen Sektierer Mohammed aus der mittelalterlichen Polemik längst aufgegeben, weil es sich nicht halten lässt. Zwar bestehen weiterhin grosse Lücken in der Quellenlage. Aber in den letzten Jahrzehnten haben muslimische und nichtmuslimische Forscherinnen und Forscher erstaunlich viel aus den Quellen herausgearbeitet.

Das geht auch mit islamischen, also tendenziell «parteiischen» Quellen, wenn man sie gegen den Strich liest. Demnach war Mohammed ein Gottsucher in der städtischen Oasengesellschaft des stammesgeprägten spätantiken Arabien. Mohammed fühlte sich berufen, die bereits kursierende Botschaft vom alleinigen, allmächtigen und barmherzigen Gott in jener Welt zu beleben.

Rhonheimer wirft dem Islam in Geschichte und Gegenwart Gräueltaten vor. Wie Tunger schreibt, vergisst er dabei die Gräuel der Christenheit, z.B. während den Kreuzzügen. (Die Kreuzritter «wateten im Blut der Mohammedaner», heisst es zum Beispiel in zeitgenössischen Quellen …). Andreas Tunger erinnert sodann auch an die nicht gerade zimperliche Art, mit der der «Westen» mit dem Orient umgegangen ist:
Es sei Rhonheimer an den Anteil erinnert, den westliche Kolonial-, Geo-, Erdöl- und selbst Innenpolitik seit über zweihundert Jahren am Gang der Dinge im Nahen Osten hat. Muslime und Nicht-Muslime in der Region waren dabei stets besonders verbittert darüber, dass westliche Sonntagsreden und konkrete Tagespolitik sich nach unterschiedlichem Mass richteten.
Für mich ist daher nicht erstaunlich, dass sich auch hierzulande junge Musliminnen und Muslime, die ihren Platz in unserer vorgeblich so idealen Gesellschaft suchen, mitunter auch an Kriegsfronten in Syrien und dem Irak verirren. Es erstaunt und erfreut mich eher, dass es angesichts der verbreiteten Islamhysterie nicht viel mehr sind.
Die komplette Version des Artikels von Andreas Tunger kann bestellt werden bei (http://www.kath.ch/index.php?&na=11,10,0,0,d,120123).

19. September 2014 | 01:20
von Walter Ludin
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