Walter Ludin

Katholiken sind nicht einzigartig

Auch Muslime und Buddhisten reagieren so auf KritikKein Tag vergeht, ohne dass sich mehr oder weniger prominente Stimmen zum Manifest der Theologen äussern. Allmählich liest man kaum mehr Neues. Eine Ausnahme macht mein ehemaliger Professor für Missions/Religionswissenschaft in Fribourg, Richard Friedli. Er skizziert Parallelen zu innermuslimsischen und innerbuddhistischen Konflikten um Reformen:
«In allen drei Traditionen dreht sich der Konflikt um die Frage, wer die Norm festlegt, wie Lehrreden des Buddha, Koran-Suren oder Evangelien interpretiert werden dürfen. Wer besitzt die Definitionsmacht? Das römisch-katholische Lehramt oder das christliche Volk Gottes in der Nachfolge Jesu? Die scharia-kundigen Muftis oder die Gemeinschaft der Muslime? Die «Laien» auf dem Buddha-Weg oder die Äbte in buddhistischen Klöstern?Dabei verlaufen die Denkstrukturen und Argumentationsstile religions- und kirchenpsychologisch identisch und führen zu gleichartigen Reaktionen. Es ist dabei interessant zu beobachten, wie katholische, islamische oder buddhistische Autoritätsträger auf solche, in der jeweiligen Tradition wohl begründete Reform-Anregungen reagieren. Die schwächste Form von System-Kritik ist ein Protest wie etwa das Memorandum. Viel radikalere Formen der Verweigerung als eine Streitschrift wären zivile Nicht-Kooperation oder ziviler Ungehorsam. Aber bereits auf den kritischen Einspruch reagieren Hierarchieträger und ihre Fürsprecher quer durch die Religionen mit gleichen Methoden: die Autoren diffamieren, ihre Anliegen verteufeln und die Anfragen als arrogant disqualifizieren. So heisst es etwa: Die christliche Tradition würde missachtet, das Haus des Islam würde zerstört oder die Unordnung zerfresse Buddhas Ordnung. In interreligiösem Gleichklang und mit funktionalem Relativismus halten die katholische Kirche, die Islam-Führung und die buddhistische Klosterorganisation fest, bei ihnen habe «Demokratie» keinen Platz. Auch die Sanktionen gegenüber Lehr-Abweichlern oder Institutions-Kritikern verlaufen nach identischen Mustern: Christliche Theologen werden exkommuniziert, kritische muslimische Frauen werden aus der Moschee ausgeschlossen und engagierte buddhistische Mönche verlieren die Lehrerlaubnis.»
Also, liebe «Hierarchieträger und ihre Fürsprecher»: Ihr folgt im Grunde genommen tausendjährigen Reflexen – gleich wie Muslime und Buddhisten ….

17. Februar 2011 | 01:12
von Walter Ludin
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