Karoshi – kleine Managerkomödie
Heute für meine Blog-LeserInnen der Einstieg in meine Kurzgeschichte «Karoshi, kleine Managerkomödie»:
Gegen 15 Uhr mitteleuropäischer Zeit, 9’800 Meter über Meer, zwischen einer Konferenz in Frankfurt und einem Meeting in Kalifornien geschah es, dass Ferdinand Lonz, vollschlank, frisch rasiert und mit tadellosem Gebiss, fern jeder Selbstkontrolle einschlief.
Er sass oder hing im kühlen Leder seiner liebsten Langstreckenmaschine, zwanzig Minuten nach dem Start, als ihm unerwartet die Augenlider flatterten, und auf Brust und Schenkel legte sich ein Schatten. Lonz wurde unsäglich schwer, etwas drückte ihn in den Ledersessel und immer fester hinein und hinab in einen tiefen Schlaf, wobei er daran denken musste, dass er bei der Stewardess gerade einen Espresso bestellt und sich mit Papier und Rotstift darauf eingerichtet hatte, die Kundenzufriedenheitsanalyse zu analysieren, um in Los Angeles aufzutrumpfen.
Lonz freute sich auf Los Angeles, da wartete ein echter Traumkunde auf ihn, ein professionelles Unternehmen, das nach ihm gerufen hatte, um mit seiner integrativen Kompetenz einige Reputationskosten in den Griff zu kriegen. Es war nicht einfach gewesen, den Termin zu bekommen. Wie lange hatte er sich in Frankfurt und Zürich mit mittelgrossen Klienten herumschlagen müssen, die sich keine ganzheitliche Dialogkultur leisten konnten. Unwissend und verloren irrten diese armen Fleissarbeiter in ihren Teilmärkten herum und verlangten von Lonz, dem Architekten des guten Rufs, dem filigranen Zielgruppenkünstler, immer nur den schnellen sichtbaren Erfolg. Was war die Kunst der internen und externen Identity schon in den Augen dieser rasenden Absatzmaximierer? Eine Wundertüte. Stets hatte man von der Lonz’schen Agentur die unmöglichsten Zirkusnummern verlangt, den offensichtlichsten chirurgischen Eingriff am Gesicht der Lüge.
Nein, nein, Lonz hatte es weiss Gott verdient, sich auf Los Angeles zu freuen, ganz entspannt lag oder sass er im Ledersessel, immer wieder lächelnd im Traum. Auf einer grossen bewässerten Wiese lag er, aber es war nicht kalt, nur seine Kleider schienen etwas feucht zu werden. Nach Sommer roch es und nach Mädchenröcken, bald kam sogar die Sonneund kitzelte unter seiner weichen Duschgel-Haut. Dann verschwand die Wiese. Lonz glitt hinüber oder hinein in einen glanzlosen Raum, Umrisse einer Person wurden sichtbar. Ein Mann. Er hatte unnatürlich grosse Augen, eine hohe Stirn, nicht angenehm, nicht hässlich.
«Du schon wieder,» sagte Lonz.
«Hallo Lonz,» kam der Gruss, freundlich wie immer, «hast du über unsere letzte Sitzung nachgedacht?»
Lonz versuchte, sich an die Kundenzufriedenheitsanalyse zu erinnern, die jetzt gewiss irgendwo vor seinem schlafenden Körper im Flugzeug lag, ohne dass er sie in die Hand nehmen konnte.
«Der gute Ruf,» sagte der Grossäugige, «keine Angst, es ist jetzt alles vorbei. Du liegst im Sterben.»
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