Karl Rahner: Macht es besser!
Heute vor 50 Jahren, am 31.08.1965, veröffentlichte die Orientierung einen Vortrag, den Karl Rahner zur Verleihung des Reuchlin-Preises der Stadt Pforzheim im Juni 1965 gehalten hatte. Darin beschäftigt er sich mit dem Verhältnis des Christentums zu den nichtchristlichen Religionen und greift im Vorfeld der Vierten Konzilssession, auf der das Thema «Mission» eine wichtige Rolle spielen wird, auf den Begriff des ‹anonymen Christen› zurück. Rahner schreibt: «Es mag dem Nichtchristen anmassend erscheinen, dass der Christ das Heil in jedem Menschen als Frucht der Gnade seines Christus wertet und den Nichtchristen als einen noch nicht zu sich selbst gekommenen Christen betrachtet. Aber auf diese Anmassung kann der Christ nicht verzichten. Und sie ist eigentlich die Weise seiner grössten Demut für sich und die Kirche. Denn sie lässt Gott nochmals grösser sein als den Menschen und die Kirche. Die Kirche wird den Nichtchristen mit der Haltung des Hl. Paulus entgegentreten, der sprach: ‹Was Ihr nicht kennt und doch verehrt, das kündige ich Euch›. Von hier aus kann man tolerant und bescheiden sein gegenüber allen Religionen.»
Heute sehen wir die Rede vom ‹anonymen Christen› kritisch, weil sie auch eine vereinnahmende Ebene hat. Wir lernen daraus, dass wir bei allen Verdiensten, die Karl Rahner sich um die Konzilstheologie erworben hat, heute auch die Grenzen seiner Theologie nicht überspielen dürfen. Und der Begriff des ‹anonymen Christen› markiert so eine Grenze. Roman Siebenrock hat diesbezüglich gesagt: «Deshalb kann Rahner nicht wiederholt werden, indem man ihn negativ oder positiv einfach zitiert. Er hat uns vielmehr beispielhaft gezeigt, wie angemessene Antworten entwickelt werden sollen. Diese eigene Verantwortung nimmt er nicht ab, sondern ruft uns zu: Macht es besser!» Darin besteht das bleibende Vermächtnis Rahners an die heutige Generation von Theologinnen und Theologen, 50 Jahre nach dem Konzil.
(Christian Cebulj, vgl. Orientierung 29 [1965] 178; Zitat Siebenrock aus: Christ in der Gegenwart 67 [2015]).
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