Karl Lehmann zensiert Karl Rahner – oder: von der Infrastruktur eines Konzils
Das Konzil hat der heutige Mainzer Kardinal Karl Lehmann zunächst als Student des Germanikums in Rom erlebt und dort vor allem mit Karl Rahner als Konzilstheologen zusammengearbeitet. Seine Erzählungen machen deutlich, dass gute Entwürfe auch einer gewissen Infrastruktur bedürfen.«Im Laufe der Konzilszeit – Lehmann war damals Oberbibliothekar im Germanikum – vermehrten sich diese Dienste [für Rahner] und wurden manchmal auch etwas heikel, wenn es zum Beispiel darum ging, in diversen Entwürfen Rahners die dort vorkommenden lateinischen ‹Bandwurmsätze› selbständig zu entflechten. Dies geschah auf dringende Bitten z.B. von Pater Otto Semmelroth, der dem zögernden Lehmann immer wieder einbläute: ‹Es geht nicht um Rahner, es geht um das Konzil!› Trotz Bedenken eines Mitstudenten – ‹Das kannst du doch nicht machen!› – hat Lehmann diese Bearbeitung von Rahnertexten mehrfach gewagt und die Ergebnisse dann stillschweigend und mit ziemlichem Bangen Rahner wieder vorgelegt. ‹Man kennt sein eigenes Zeug nicht mehr!› brummte dieser dann, akzeptierte jedoch das entstandene Werk.Höhepunkt dieser Hilfsdienste war die Reinschrift und Gestaltung eines lateinischen Alternativentwurfs über die göttliche Offenbarung aus der Feder von Karl Rahner und Joseph Ratzinger. Das wiederholte Tippen dieser Texte auf Wachsmatrizen und die mühsamen Korrekturen, vor allem aber das manuelle Abziehen vieler hunderte Exemplare und der Abtransport mit Koffern war – wie Lehmann selbst lächelnd sagt – sein wichtigster ‹Konzilsbeitrag›. Die ansehnlichen Taxikosten für den Transport, die er von seinem spärlichen Taschengeld bezahlte, hat ihm niemand erstattet.»Rahner hat Lehmann die «Zensur» seiner Texte übrigens nicht nachgetragen: ab Juli 1964 arbeitete Karl Lehmann als Assistent Rahners in München und später in Münster.(Regina Heyder; Quelle: Barbara Nichtweiss: Karl Lehmann: Bausteine zu einer Biografie. In: Karl Kardinal Lehmann 2001. Dokumentationen, Erinnerungen und Informationen zur Kardinalserhebung des Bischofs von Mainz. Mainz 2001, 119-171, hier 140)
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