Judenverfolgung: Papst Franziskus, Hochhut, Pius XII. ....
Brisant ist die Frage nach der Verstrickung der katholischen Kirche in die Politik des «Dritten Reiches». Auch dazu äussert sich Prof. Tück in der NZZ:
Bergoglio gesteht zu (im Gespräch mit dem jüdischen Oberrabbiner von Buenos Aires) , dass es Bischöfe gab, die anfangs naiv auf Kooperation setzten, erinnert aber an den damaligen Bischof von Münster, Kardinal Graf von Galen, als mutigen Zeugen des Widerstands. Auch führt er Pius XI. an, der 1938, kurz bevor im Deutschen Reich die Synagogen brannten, dem Antisemitismus das Wort entgegensetzte, alle Christen seien Semiten. Pius XII. beurteilt er eher milde: Einerseits hat der Pacelli-Papst viele Juden in römischen Klöstern versteckt, Golda Meir und andere haben dies bestätigt, andererseits hat Pius XII. nicht öffentlich gegen Hitler Stellung genommen.
«Gottes erste Liebe»
Ob sein Schweigen als Versagen zu werten ist, wie Rolf Hochhuths Theaterstück «Der Stellvertreter» (1963) nahelegt, oder als politische Vorsicht, die Lage nicht weiter eskalieren zu lassen, ist unter Historikern umstritten. Über die Motive des Schweigens will sich Bergoglio nicht äussern. Spürbar beunruhigt über diese Zurückhaltung hakt Skorka nach: Wenn von Galen, der Löwe von Münster, für seinen Protest zu loben sei, dann müsse doch Pius XII. für sein Schweigen getadelt werden. Ein Prophet jedenfalls hätte aufgeschrien und stellvertretend für die Opfer die Stimme erhoben. Bergoglio widerspricht nicht, weist aber darauf hin, dass diese komplexe Frage erst nach der Öffnung der Archive geklärt werden könne. Er votiert für eine Aufhebung der Sperrfrist. Bisher hat der Papst die Archive nicht geöffnet, ob Franziskus durch Verweigerung der Akteneinsicht die von manchen als «unselig» bezeichnete Seligsprechung von Pius XII. verschleppen will, muss offenbleiben.
Am Ende des Gesprächs beruft sich Bergoglio auf das Konzilsdokument «Nostrae Aetate», das den offiziellen Paradigmenwechsel im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum eingeleitet hat. Diese Weichenstellung hat Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben «Evangelii gaudium» bekräftigt. Das Volk Israel, das der Wiener Kulturhistoriker Friedrich Heer einmal als «Gottes erste Liebe» bezeichnet hat, stehe im ungekündigten Bund und gehöre zur bleibenden Wurzel des Christentums: «Der Dialog und die Freundschaft mit den Kindern Israels gehören zum Leben der Jünger Jesu.» Antijudaismus hat daher in der katholischen Kirche keinen Platz mehr. Diese Vorgabe des obersten Hirten hat sich noch nicht in allen Teilen des Kirchenvolkes herumgesprochen. Umso wichtiger ist es, dass Franziskus Ende Mai nach Israel reist. Er wird dort nicht nur an die Aufhebung der Bannflüche zwischen Ost- und Westkirche vor fünfzig Jahren erinnern, sondern auch neue Signale der Freundschaft setzen.
Nachbemerkung: Bekanntlich ist nicht jede Kritik an der Politik Israels antisemitisch. Zumal Juden zu den schärfsten Kritikern des jüdischen Staates gehören. Ich erinnere mich an ein Wort von Ephraim Kischon, der meinte, der allerdümmste Berufsstand der Welt sei jener der israelischen Politiker.
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