Kirche kommuniziert

Jonas Bedford-Strohm: Als Ergänzung zum Analogen ist das Digitale auch im Gottesdienst toll

Das Thema «Digitalisierung» lässt uns nicht los. Was hat sich für kirchliche Institutionen schon alles verändert? Was kommt noch auf sie zu? Wird der Gottesdienst nun in Zukunft virtuell gefeiert? Wir sprachen mit Jonas Bedford-Strohm, Theologe und Journalist, über Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung.

Kirche kommuniziert: Wo sehen Sie die Herausforderungen kirchlicher Institutionen bei der Digitalisierung?

Jonas Bedford-Strohm: Wir müssen von Getriebenen zu Gestaltern werden. Das bedeutet: Wir müssen besser verstehen, was passiert, und wir müssen uns mehr anstrengen, die richtigen Schlüsse zu ziehen und Strategien daraus zu entwickeln. Wenn wir das schaffen, dann reduziert sich der Stress beim Thema und wir können unsere Energie für die kreative Gestaltung der Möglichkeiten einsetzen. Ich hoffe, wir alle begreifen mittlerweile die Dringlichkeit dieser Aufgabe und nehmen die digitale Herausforderung selbstbewusst an.

Ein Schritt dahin wäre zum Beispiel, in multiprofessionellen Teams zu arbeiten – wie bisher auch mit Theologen und Juristen, aber darüber hinaus mit Experten in Social Media, Webdesign, Mediengestaltung, Video-Producing, IT-Management und Coding. In diesen Bereichen sind alle kirchlichen Institutionen im deutschsprachigen Raum massiv unterbesetzt. Also würde ich Kirchenleitungen überall anspornen: Nehmt ordentlich Geld in die Hand und baut nachhaltig Personal auf für digitale Aufgaben. Das ist gut investiertes Geld!

Vielleicht braucht es auf dem Weg dahin auch neue Akademien, die den kirchlichen Akademiegedanken neu interpretieren und als digitale Schulungszentren und Labore ganz praktisch auf operative Medien- und Digitalkompetenz hin schulen und so kirchlich Mitarbeitende dazu befähigen, sich digital einzubringen. Es braucht einen neuen Generationenvertrag, mit dem die Älteren ihre Lebenserfahrung und die Jüngeren ihre Digitalkompetenz gemeinsam einbringen.

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt kirchlicher MitarbeiterInnen?

Ich würde zuerst fragen: Was hat sich denn schon alles verändert? Sicher waren kirchliche Apparate bisher keine Treiber der Digitalisierung. Aber Smartphones sind überall in der Kirche verbreitet. E-Mails werden verschickt. Messenger zur Koordination von Gemeindearbeit genutzt. Predigten werden auf iPads und Laptops geschrieben.

Briefe per Handy diktiert und auf dem Computer redigiert. Flyer werden digital entworfen. Die Beispiele sind nahezu unendlich. Digitalität ist längst integraler Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit. In der Theorie aber und im Bewusstsein, so scheint, ist bisher aber noch nicht voll angekommen, was in der Praxis längst Realität ist.

Digitalität ist längst integraler Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit.

Drei große Themenfelder sehe sich: 1) Wie können wir Mitarbeitende trainieren und sie so ausstatten, dass sie Digitalität aktiv gestalten können und sich nicht weiter als Getriebene und Überforderte fühlen? 2) Wie können wir sicher gehen, dass sie für sich selbst einen gesunden Umgang mit den vielen digitalen Geräten lernen? Zum Beispiel: Ruhezeiten einhalten, Handy ausschalten, aber auch: E-Mails gleich beantworten, damit sich nichts anhäuft, oder oft auch auf E-Mail verzichten und lieber Telefon oder Messenger-Sprachnachricht wählen – all diese Fragen stellen sich auf der individuellen Ebene und müssen in den richtigen Mix gebracht werden. 3) Auf der institutionellen Ebene stellt sich die Fragen: Wie verändern die Dynamiken der sozialen Medien die Kommunikationsstrategien? Welche digitalen Mittel ersetzen tatsächlich analoge Mittel und wo ergänzt sich beides konstruktiv? All diese Fragen zu beantworten ist für Arbeitgeber und Mitarbeitende eine zentrale Aufgabe der nächsten zehn Jahre.

Unternehmer und Autor Wolfgang Klingler schreibt in der NZZ vom Digitalismus als eine neue Heilslehre, deren Gott die Technologie ist. Wird, Ihrer Meinung nach, der Glaube an die digitale Technologie zu einer neuen «Weltreligion»?

Es überrascht mich, dass nach all den Skandalen und kritischen Diskussionen der letzten Jahre immer noch von digitaler Technologie als einer neuen «Weltreligion» gesprochen wird. Selbstverständlich sind viele Digitalunternehmen «mission driven» und deswegen im Duktus missionarischer als die institutionellen Kirchen im deutschsprachigen Raum es zur Zeit sind. Ob man da aber gleich von Religion sprechen muss? Wenn, dann wäre das ein recht banaler Religionsbegriff, über den wir nochmal diskutieren müssten.

Seitdem ich mit Leuten bei Google, Facebook, Microsoft oder Amazon selbst auch arbeite, gewinne ich den Eindruck: Die sind nicht völlig bescheuert, sondern wissen ganz genau, dass sie in einem profitorientierten Unternehmen arbeiten und nicht in einer gemeinnützigen religiösen Vereinigung. Aber an profitorientiertem Wirtschaften ist ja prinzipiell auch überhaupt nichts auszusetzen. Direkt oder indirekt werden alle Kirchen bei uns über die Abgaben auf Wirtschaftsleistung finanziert. Wenn sie dabei auch noch was Gutes tun wollen, dann ist das doch an sich nur zu begrüßen.

Wenn man genau hinschaut, zeichnet die meisten Silicon-Valley-Unternehmen tatsächlich aus: Ihre Mitarbeitenden glauben fest daran, dass sie an etwas arbeiten, das den Menschen netto mehr hilft als schadet. Dass mehrere Milliarden Menschen die Dienste dieser Unternehmen täglich nutzen, zeigt ja auch, dass sie da nicht falsch liegen.

Entscheidend ist, dass man mit den Menschen in diesen Unternehmen, wann immer es geht, direkt ins Gespräch kommt, und versteht, dass hinter all diesen Diensten und Produkten immer echte Menschen stehen. Auf dieser Grundlage kann man dann auch über die kritischen Fragen und ethischen Grundlagen kontrovers diskutieren. Ich denke, da ist seit dem Skandal um Cambridge Analytica insbesondere bei Facebook, aber auch darüber hinaus, eine neue Demut, die dem Gespräch sehr gut tut.

Wird der Gottesdienst in Zukunft virtuell gefeiert? Eröffnen sich damit neue Chancen für die Kirchen?

Wir dürfen bei dieser Frage nicht immer nur in «ganz oder gar nicht» denken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Skype die leibliche Präsenz beim Abendmahl jemals voll ersetzen wird – zu vermittelt ist die Teilnahme und zu bereichernd ist die gemeinsame leibliche Präsenz. Aber als Ergänzung zum Analogen ist das Digitale auch im Gottesdienst toll. Ich denke etwa an die #twomplet-Andachten auf Twitter, zu der sich Menschen von überall her zur Abendandacht treffen.

Neben der vielfältigen religiösen Kommunikation in sozialen Medien wird die digitale Gottesdienstfeier vor allem dann interessant, wenn leibliche Präsenz nicht möglich ist: Wenn Familien an unterschiedlichen Orten leben etwa. Oder in Kriegsgebieten. In Syrien war es lange Zeit nicht möglich, gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Man war entweder durch die Flucht auf verschiedenste Orte und Länder verteilt oder konnte physisch nicht aus dem Haus, weil vor der Tür Krieg war. Per Videoschalte konnte man sich aber auch dann noch gegenseitig unterstützen, miteinander beten und zusammen sein. Wir sollten über konkrete Beispiele reden und weniger im Modus: «das Digitale da draußen bricht überraschend über uns herein und klaut uns unsere Gottesdienste.»

Wichtiger ist für mich, dass Zeit und Ort und Zweck von Gottesdiensten digital gut zugänglich sind – in Suchmaschinen, Webseiten und vor allem Google Maps. Wenn wir wollen, dass leibliche Präsenz noch stattfindet, müssen wir flächendeckend und attraktiv gestaltet überall im Netz auf die physische Präsenz hinweisen und einladende Informationen dazu bereitstellen. Von einer flächendeckenden Abdeckung und Zugänglichkeit sind wir da wirklich noch meilenweit entfernt.


 

Jonas Bedford-Strohm | zVg

Jonas Bedford-Strohm arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Medienethik der Hochschule für Philosophie München und im Innovationsmanagement des Bayrischen Rundfunks. Daneben engagiert er sich in einer englischsprachigen Freikirche. Bedford-Strohm hat Theologie, Politische Theologie und Philosophie in Heidelberg, Stellenbosch (Südafrika) und Yale (USA) studiert. Sein Vater ist Heinrich Bedford-Strohm, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Gemeinsam haben sie das Buch »Wer’s Glaubt, Wird Selig» (2013) publiziert, ein Dialog zu den Grundsatzfragen des Christentums.

 

 

Jonas Bedford-Strohm an der CEBIT 2018 | zVg
14. August 2018 | 10:16
von Kirche kommuniziert
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