Heinz Angehrn

Jörns zum Ersten: Der Ausgangspunkt

Es ist für Klaus-Peter Jörns klar, dass «Trauerarbeit» (S.66) zu leisten ist, wenn sich religiöse Gemeinschaften von lieb gewordenen Grundüberzeugungen verabschieden müssen. Die multireligiöse globale Welt, der sich verantwortungsbewusst denkende Menschen zu stellen haben, die hier schon zitierte Aufforderung von Hans Küng, dass der Dialog zwischen den Religionen überlebens-notwendig ist für unsere Erde und die neue religiöse Mündigkeit der Bürger/innen (S.36), dies sind einige der Grundlagen, auf denen Jörns sein spannend zu lesendes Buch aufbaut. Er stützt sich auf Umfrageergebnisse eigener Untersuchungen wie auch auf die bekannten aus dem Hause Zulehner (zitiert dort bewusst die «Freude vieler Menschen, die persönliche Religiosität selber komponieren zu können») und zeigt sich aktuell geprägt von dem neu aufgekommenen Einfluss evangelikalen Denkens auf die US-Weltpolitik (S.42-44). Hier wäre auch eine leise Kritik anzubringen: Dürfen wir uns theoretisch-intellektuell so stark vereinnahmen lassen von solch grobem Unfug, wie er von unbedachten religiösen Fundamentalisten angerichtet wird? Oder ist es wirklich so, dass Bin Laden, Bush und Co. eine neue Epoche eingeläutet haben?Zurück aber zur Grundthese: Glaubensaussagen müssen zu den gegenwärtigen Lebenserfahrungen passen, Glaubensantworten müssen heutige Fragen ernst nehmen (S.25). Es darf nicht mehr sein, dass die Kirchen Antworten geben auf Fragen, die gar niemand stellt. Jörns formuliert die These, dass die «Bedingungen für das Wahrnehmen und Verstehen» nicht prinzipiell anders sind als in der Antike und fordert «mehr Bescheidenheit auch von der kirchlichen Dogmatik» (S.27f). Dass man sich so bei den Gralshütern der reinen Lehre nicht beliebt macht, versteht sich von selbst. Vermutlich wagen es darum vor allem ältere und pensionierte Professoren, so offen zu formulieren. Sie können nicht mehr entlassen und sanktioniert werden! Jörns spricht aber auch zugunsten der Pfarrerschaft, in der er schon längst den selben religiösen Meinungspluralismus wie in der Gesamtgesellschaft diagnostiziert (S.22).Vor dem Hintergrund formuliert er im Hauptteil des Buches (S.70-341) acht «notwendige Abschiede von überlieferten Glaubensvorstellungen». Ob diese not-wendig sind und wirklich Not wenden, soll hier weiter bedacht werden.

6. März 2006 | 10:16
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 1  Min.
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