Bettina Flick

Jesus wäscht auch Judas die Füsse

Hoher Donnerstag. Der dritte Tag in Folge, an dem das Tagesevangelium Judas erwähnt. Dieses Mal bei der Fusswaschung: Auch wenn Jesus davon spricht, dass Judas ihn verraten wird, wäscht er allen zwölf Aposteln, also auch Judas die Füsse.

Feindesliebe konkret. Nicht nur ein ferner Gedanke, ein frommer Wunsch für den, der ihn ausliefern wird, sondern ganz handfester Dienst. Wäre auch ich dazu bereit? Nein, «Todfeinde» habe ich keine – zumindest wüsste ich von keinem, der mir den Tod wünschen würde. Aber Menschen, die mir nicht sehr genehm sind, denen ich lieber ausweiche als mit ihnen am gleichen Tisch zu sitzen, ja, die gibt es. Wäre ich bereit, ihnen gegenüber nicht nur höflich zu sein, sondern ihnen einen Dienst zu erweisen? Ganz praktisch und handgreiflich?

Für die gestrige Feier am Hohen Donnerstag wurde ich angefragt, mir als «eine der zwölf» im Gottesdienst die Füsse waschen zu lassen. Da ich in der Mitte der Zwölf sass, konnte ich die Aktion erst auf mich wirken lassen, bis der Priester und die Kloster-Oberin zu mir kamen. Sie knieten nieder, angenehm warmes Wasser lief über meine Füsse, ein weiches Frottee-Tuch riebt sie wieder trocken, beide schauten mich dabei kurz an – ein Blick voll Wärme und Liebe. Ich hätte nicht gedacht, dass mich diese Fusswaschung so berühren kann.

Wieder gehen meine Gedanken zu Judas: Hat er die Fusswaschung genauso erlebt? Eine Geste der Zärtlichkeit, ein Blick voll Liebe und Wärme, Jesus, der vor ihm auf dem Boden kniet?

Wie es Judas wohl damit ging?

Nach der Fusswaschung dann geht Judas laut dem Johannesevangelium in die Nacht hinaus. Am Ende unserer Feier am Hohen Donnerstag, nach dem Schlussgebet, ist es der Priester, der den Chorraum verlässt, in seinen Händen den Kelch und die Schale mit dem, was von Leib und Blut Christi übrig geblieben ist. Der Altar wird abgeräumt, auch die Kerze wird hinausgetragen. Das Licht wird gelöscht. Für einige Momente ist es stockdunkel in der Kirche. Danach leuchtet ein Spot auf, der Priester kommt zurück und stellt Brot und Wein auf ein Tuch, das angestrahlt wird. Dahinter ist ein Kreuz aufgerichtet. Stille. Auch Jesus ist in die Nacht hinausgegangen.

Zwei einsame Männer in der Nacht – beide wohl auch in der Nacht ihres Glaubens.

Wirklich? Sind wirklich beide einsam? Trägt nicht vielleicht Jesus in seiner Einsamkeit, in seinem Ringen und in seinem Ja zum Willen des Vaters auch die Einsamkeit des Judas?

Gern denke ich an das berühmte Bild aus Vezelay, das Jesus zeigt, der wie der Gute Hirte mit dem verlorenen Schaf auf den Schultern den toten Judas trägt. (Wer es nicht kennt, möge es googlen, eine wirklich eindrückliche Darstellung!)

 

 

Wasserkrug | © pixabay.com
30. März 2018 | 13:00
von Bettina Flick
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