Berliner Dom bei Nacht / © 2016  Vera Rüttimann
Vera Rüttimann

«Je suis sick of this shit»

Der Berliner Dom ist eine schwer fassbare Kirche. Seine protzige Kuppel sticht so dominant in den Berliner Himmel, dass manche glauben, er sei ein katholisches Gotteshaus. Oder gar ein Museum. Für die grösste protestantische Kirche Deutschlands haben die Berliner kecke Beschreibungen gefunden: Sie nennen sie «schwimmende Pickelhaube», «Seelen-Gasometer» oder «Bonzen-Kuppel».

Eines jedoch ist gewiss: Wenn ausserordentliche Dinge passieren wie etwa die Anschläge vom 11. September 2001 oder die Tsunami-Katastrophe in Asien im Dezember 2004, dann findet hier im Berliner Dom der zentrale ökumenische Gedenkgottesdienst statt.

Als ich mich heute um 12 Uhr mit der U-Bahnlinie U2 Richtung Berliner Dom aufmache, steht erneut ein Gedenkgottesdienst an: Zwei Berliner Schüler und eine Lehrerin gelten nach dem Anschlag in Nizza als vermisst. Es wird befürchtet, dass sie zu den 84 Toten gehören. Die Stimmung ist an diesem Tag vielerorts gedämpft in der Stadt. Auch in Berlin denken angesichts unaufhörlicher Terrorakte immer mehr: «Je suis sick of this shit»

Ankunft am Eingang des Berliner Doms. Vor dem grossen Portal herrscht ansonsten stets ein fröhliches Treiben. Die einen wollen zum Tauf- oder Konfirmandenunterricht. Andere besuchen den Kindergottesdienstkreis oder den Gesprächskreis für Glaubensfragen. Nicht zu vergessen, Touristen, die sich am Eingang mit ihren Selfie-Stangen knipsen. Heute jedoch ziehen trauernde Schüler in schwarzen Lederjacken in die Kirche ein. Am Schluss des Gottesdienstes fassen sich alle an den Händen: der Propst, der Weihbischof, der Imam und die Schüler.

Am vergangenen Samstag erlebte ich in Berlin ein weiteres starkes Zeichen gegen die aufkommende Lähmung und Resignation angesichts des IS-Terrors: Die französische Kultband AIR spielte ganz in weiss vor dem Brandenburger Tor ein Gratiskonzert. Zuvor fiel das traditionelle Deutsch-Französische Fest am Pariser Platz anlässlich des französischen Nationalfeiertags wegen des Terroraktes noch aus, doch AIR, das sind Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel aus Versailles, entschieden sich aus Solidarität mit den Opfern in Nizza bewusst für dieses Konzert. Jeder hätte es verstanden, wenn sich die Musiker anders entschieden hätten.

Ich ging mit einem flauen Gefühl im Magen los, denn es braucht einen gewissen Mut dieser Tage, sich in Menschenmassen zu begeben. Auf dem Pariser Platz angekommen, steckte mich aber die dort herrschende Stimmung sofort an. Die Devise lautete: Sie wollen, dass wir uns aus Angst verkriechen? Nicht mit uns!

Als AIR dann mit ihrem luftig-fröhlichem Club-Sound loslegten, – dabei waren Stücke wie «Sexy Boy», »Cherry Blossom Girl» und   natürlich das jazzige «La Femme D’Argent»- , bot sich ein seltsamer Kontrast: Hier die weiss gekleideten Musiker, von denen diese fast intim-zärtlichen Klänge in die Berliner Nacht hinaus strömten, dort die Französische Botschaft, deren Fahne auf Halbmast stand und zu dessen Füssen brennende Kerzen, Blumen und ein Teddybär lagen. Es drückte einem das Herz ab. All dies schliesslich vor dem bewusst hell erleuchteten Brandenburger Tor, das wie kaum ein anderes Gebäude Berlins gleichzeitig für Krieg und Frieden steht. Da ist sie also, die neue Welt-Unordnung, dachte ich. Sie macht Angst. Wirken wir ihr entgegen, und sei es nur mit Tanz und hypnotisch schöner Musik.

Im Berliner Dom wurde heute der Opfer des Anschlages in Nizza gedacht. Die französische Kult-Band AIR spielte am Brandenburger Tor zudem ein umjubeltes Gratiskonzert.

Berliner Dom bei Nacht / © 2016 Vera Rüttimann
19. Juli 2016 | 03:34
von Vera Rüttimann
Lesezeit : ca. 2  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!